Sarah vs. Münsterturm

In den Kommentaren zu unserem ‚Geburtstagsblogeintrag‚ wurde unter anderem vorgeschlagen, dass wir mal auflisten sollten, was man in seiner Freiburg Zeit unbedingt getan haben muss. So eine Art „10 places to see in Freiburg before you die“. Genannt wurden unter anderem der Basler Morgenstraich, der Rheinfall oder eine Herbstwanderung durch den Kaiserstuhl mit Straussenabschluss. Mir wurde nicht nur klar, dass ich in acht Jahren Freiburg nicht nur nicht geschafft hatte, diese abzuarbeiten sondern, dass ich es nicht mal zu der naheliegensten und bekanntesten touristischen Attraktion in Freiburg geschafft hatte.

Dem Münstertum.

Also hingeschafft hatte ich es natürlich schon, irgendwie. Vor allem drunter. Zu den Wurstständen, zu dem Spieleladen, der sich in der Winterzeit dort ansiedelt, zu dem tollen Gewürzstand, in die Stadtbücherei und auch ins Münster hinein. Dank Theologiestudium und Mittelalter-Proseminaren kann ich Verwandten und Freunden eine mittelmäßig solide Führung durchs Hauptschiff geben, etwas über die Orgeln, die Fenster, ein paar Wasserspeier und das Fastentuch erzählen. Sogar einen Gottesdienst mitsamt Erzbischof und Universitätsrektor habe ich schon mitorganisiert und Fürbitten gehalten. Aber auf dem Turm, da war ich noch nie.

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Da hoch? Letzte Chance zu kneifen.

Die Schuld an diesem Umstand gebe ich meinem Freund. In meinem ersten Semester, hatte ich ihn, der ja nun schon ein Jahr länger in Freiburg gewohnt hatte als ich, gefragt, ob es sich denn überhaupt lohnen würde, den Turm zu erklettern und auf Freiburg zu schauen. Etwas lapidar war seine Antwort:

„Naja…ist halt fast der gleiche Blick wie vom Schlossbergturm. Nur halt ohne Münster. Und das ist ja das, was man sehen will. Oder?“

Offensichtlich ist mir a) acht Jahre kein Gegenargument eingefallen und b) muss ich sagen, dass diese Devise meinem touristischen Grundgedanken „Kirchen von außen, Berge von unten, Kneipen von innen“ doch schon sehr entspricht (Ausnahme: Der Kastaniengarten auf dem Schlossberg, da dort der Biergarten die Qualen des Bergerkletterns schlägt und außerdem gibt’s nen Aufzug). So war es mir dann auch in den acht Jahren Studium eher gelegen, mit Verwandten oder Freunden die nächstliegende Gaststätte aufzusuchen, nachdem das Münster von innen besichtigt worden war und alle meine supi Erklärungen über sich hatten ergehen lassen.

Tja und nun sollte es also soweit sein. Nachdem ich in der Redaktionssitzung unseres Blog unvorsichtigerweise erwähnt hatte, dass ich eben noch nicht mal auf dem Münsterturm war, war dann eigentlich auch klar, über was ich als nächstes in unserer neuen Kategorie „Freiburg – 10 Dinge, die ich an dir hasse/liebe“ schreiben würde. Na gut, also hoch auf den Münsterturm. Vielleicht ist es ja auch ganz nett. Beim Mensaessen wurde mir gut zugeredet und versichert, dass es sich lohne und außerdem der Tipp gegeben, nicht zu schnell wieder runter zulaufen. Offensichtlich kreiselt man sonst nämlich nach der Treppe auf dem Münsterplatz noch ein bisschen weiter. Die Ratgeberin hatte bei dieser Gelegenheit wohl schon mal einen Bauzaun geknutscht, der zu nah an der Tür stand. Ich versprach einen langsamen Abstieg.

Als nächstes galt es, die 209 Stufen der schmalen Wendeltreppe des Turmaufgangs zu erklimmen. Dort oben angekommen keuchte ich wie ein Walroß und meine Begleitung witzelte, warum sie ausgerechnet die unsportlichste des Bloggerteams auf den Turm scheuchen würden. Meinem Kommentar, dass vermutlich jede rüstige Rentertruppe behänder auf den Turm käme als ich, ließ zumindest den Turmwächter schmunzeln. Bei ihm konnten wir auch unser Eintrittsgeld bezahlen. Übrigens ein sehr faires System. Wer es nicht bis ganz nach oben schafft, der muss auch nicht zahlen.

Begrüßt wurden wir übrigens nicht nur von dem netten Herrn Turmwächter, sondern auch vom Glockengeläut, das gerade kurz mal loslegte. Der gute Mann hält das den ganzen Tag aus und ich dachte kurz „Der muss taub sein!“ Isser aber nicht. Er ist sehr nett, ein Freiburger Unikat mit dem wohl einzigartigsten Job in Freiburg und beantwortet geduldig auch noch die blödeste Touri-Frage zum Münster (wir haben es ausprobiert!) und verkauft  nebenbei noch sehr schöne Postkarten. Außerdem ist er für die schönen roten Geranien verantwortlich, die man da in der Sommerzeit hoch oben am Turm am Fenster hängen sieht.

Meine Hoffnungen nicht weiter hochsteigen zu müssen, zerschlugen sich leider. Zur ersten Aussichtsplattform muss man noch einmal ein bisschen Treppen steigen. So. Da war ich nun. Das erste Mal auf dem Münsterturm. Und nachdem ich ein bisschen Luft geholt hatte, konnte ich sogar die faszinierende Architektur und die, wie ich nun zugeben muss, doch wirklich tolle Aussicht genießen.

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Das Münster vom Münsterturm aus gesehen

Beindruckend war für mich der Detailreichtum der sich bis in die letzte Knospe des Gebäudes fortsetzt und wie grazil und offen die, ich nenne sie mal Fenster, gestaltet worden sind.

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Ein paar Dämpfer musste ich leider hinnehmen. Zum einen kann man von der Plattform aus nicht alle vier Himmelsrichtungen bestaunen. Durch die dringend notwendigen und ständig laufenden Renovierungsarbeiten am Turm sind dort Gerüste angebracht, damit die Steinmetze (YAAY und ThumbsUp für die Steinmetze der Münsterbauhütte) ihre Arbeiten verrichten können. Dies ist auch der Grund, warum Besuchern seit ca. 12 Jahren der Blick in die atemberaubende Turmhaube verwehrt ist. Da ich deswegen leider auch kein Foto machen konnte, habe ich eine Postkarte gekauft, die ich Euch nicht vorenthalten möchte und die einen Eindruck davon vermittelt, wie grandios die Baukunst ist.

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Der Turmhelm von innen

Der nette Herr Turmwächter hat uns aber verraten, dass voraussichtlich im Jahr 2019 der Turmhelm wieder für Touristen begehbar sein soll. Wenn ihr also nur lange genug studiert, dann sollte der Blick in den Turmhelm für Euch noch drinne sein.  Und auch, wenn man dann nicht mehr in Freiburg ist, dann lohnt es sich, dem Schönsten Turm der Christenheit (so ein etwas abgewandeltes Zitat von Jakob Burckhardt, dem alten Kunsthistoriker) nochmal einen Besuch abzustatten.

Und wenn ihr schon mal dort oben seid, dann nehmt Euch auch die Zeit, das Glockengeläut zu bewundern. Aber bitte nicht so machen wie ich und fast die Kamera in den Turm werfen, weil ihr so Euch erschreckt, wenn es los geht. Übrigens tragen alle Glocken einen Namen, wie Christus, Petrus, Konrad oder Maria und klingeln nach einem ausgetüftelten System.

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Darf ich vorstellen? Petrus.

Die Antwort auf die Frage „Und? Wie war es?“ Ist ja jetzt quasi schon gegeben. Aber hier nochmal deulich:  Schön war es. Die Aussicht ist definitv eine andere als vom Schlossbergturm, nicht zuletzt, weil man vom Münster aus IN der Stadt AUF die Stadt schauen kann. Von den Bergen drumherum kann man nun ja nur einen Blick von außen werfen. Und außerdem konnte ich mich an den vielen Details gar nicht satt sehen. Selbst, wenn ihr es nicht auf den Turm schafft oder Euch traut, geht doch einfach mal komplett ums Münster herum, schaut Euch das Münster von seiner Hinterseite und die vielen Wasserspeier an. Vielleicht entdeckt ihr ja auch den jungen Mann, der Euch seinen blanken Hintern entgegenstreckt. (Den in Stein. Alle anderen bitte verscheuchen.)

Ich habe noch eine Galerie angelegt, damit ihr ein paar von den Bildern anschauen könnt, die ich sonst noch gemacht habe. Unter anderem von den vielen ‚Graffitis‘, die sich über die Jahre in den Steinen angesammelt haben, von dem wunderschönen Uhrwerk, dem Ausblick auf die Uni, dem Theater und den Stühlinger und auch noch ein paar Aufnahmen von außen. Wenn ihr drauf klickt, dann sollten sie sich größer und in einem neuen Tab öffnen.

Nach dem Abstieg haben ich und meine Begleitung uns selbstverständlich noch eine Münsterwurst gegönnt und da ist mir aufgefallen, dass ich vor acht Jahren mit der ‚langen Roten‘ überhaupt nichts anzufangen wusste. Inzwischen muss ich zugeben, dass sie die klassische Bratwurst als Favorit bei mir abgelöst hat und ich peinlicherweise schon mal versucht habe, sie in meiner Heimatstadt im Rheinland zu bestellen. Hat überraschenderweise nicht so gut geklappt.

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Die Münsterwurst, gibt es jetzt auch in Tofu. Hier nicht im Bild.

Das Münster und sein Turm in ein paar Zahlen:

  • voller Name: Münster Unserer Lieben Frau
  • Eintritt: 1,50 € für Studierende
  • Turmhöhe116 Meter, davon 70 Meter begehbar, 46 Meter gehören zu dem wunderschönen Turmhelm
  • Glocken: 19, die schwerste heißt Christus und wiegt laut Wikipedia 6.856kg, das Gesamtgeläut kommt auf ein Gewicht von rund 25 Tonnen.
  • Besucherzahlen: Im Schnitt ca. 100.000/Jahr
  • Websitehttp://www.freiburgermuenster.info/
  • Bauzeit: von ca. 1200 bis 1513

Es gibt auch einen tollen Film über das Münster „Augenblick und Ewigkeit: Das Freiburger Münster„, den ich Euch an dieser Stelle gerne ans Herz legen möchte. Er ist von einem ehemaligen Dozenten von mir gedreht worden und ich habe ihn damals im aka-Filmclub gesehen.

Wenn ihr oder Eure Familien das Münster und die Bauarbeiten daran unterstützen wollt, dann schaut doch mal beim Münsterbauverein vorbei. Die lassen sich immer wieder tolle Aktionen einfallen, um die mehreren Millionen Euro aufzubringen, die der Erhalt des Münsters im Jahr so kostet. Zum Beispiel konnte man das Glockengeläut des Münsters als Klingelton erhalten, die Kosten für die SMS flossen in den Erhalt des Bauwerks.

Und mal ehrlich. Selbst, wenn man nicht auf dem Turm war: Was wäre Freiburg ohne Münster?

Alle Fotos sind, wenn nicht anders angegeben, von mir.

3 Gedanken zu “Sarah vs. Münsterturm

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