Zwischen Gartenarbeit und Prüfungsstress

Wohnen für Hilfe – das generationenübergreifende, integrative und interkulturelle Wohnprojekt des Studentenwerks Freiburg

Wir freuen uns gerade sehr, denn der deutsche Stifterverband verlieh dem Projekt  „Wohnen für Hilfe“ die „Hochschulperle“ des Monats Dezember 2013.

Hochschulperle n. SV rgb

Das generationsübergreifende Wohnprojekt wird an inzwischen 20 Hochschulstandorten angeboten. In diesem Projekt werden höchst ungewöhnliche Wohnpartnerschaften vermittelt: Studierende helfen Senioren oder Familien im Haushalt und wohnen dafür günstiger. Als erstes Studentenwerk ist das Studentenwerk Freiburg seit 2002 in dem Projekt aktiv und hat seither über 700 Wohnpartnerschaften vermittelt. Nun hat der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft dem Projekt „Wohnen für Hilfe“ die Hochschulperle des Monats Dezember verliehen.

Aus allen 12 Hochschulperlen des vergangenen Jahres wird nun die Hochschulperle 2013 gewählt. Und das nicht vom Stifterverband selbst, sondern von der Öffentlichkeit. Jeder kann hier abstimmen. Also macht mit und unterstützt unser Projekt!

Von den zum Teil sehr außergewöhnlichen, doch für beide Seiten oft sehr bereichernden Wohnpartnerschaften konnte ich mich selbst im vergangenen Jahr überzeugen. Ich habe zwei unterschiedliche Gemeinschaften besucht und mir ein Bild gemacht, das ich gerne mit euch teilen möchte:

Zwischen Gartenarbeit und Prüfungsstress – Wohnen für Hilfe in Freiburg

Wohnen für Hilfe

Freiburg Rieselfeld. An einem großen Holztisch in einer gemütlichen Wohnküche sitzen das Ehepaar Thomas  und Martina  sowie die Studentin Luba aus Weißrussland. Valentin und Simon, die fünf- und siebenjährigen Söhne des Ehepaars liegen schlafend in ihren Betten in der zweiten Etage der Wohnung in einem Mehrfamilienhaus im jüngsten Freiburger Stadtteil.

Wohnen für Hilfe

Etwa neun Kilometer weiter nördlich, in Gundelfingen, wohnte Jan, Student der Forstwissenschaft, über zwei Jahre bei Irma. Die 79jährige Rentnerin Iebt im Erdgeschoss ihres dreistöckigen Hauses mit großem Garten. Das kleine möblierte Apartment eine Etage höher vermietet sie seit 2009 an Studierende.

Beide Wohnkonstellationen haben ihren Ursprung im Projekt „Wohnen für Hilfe“, angeboten vom Studentenwerk Freiburg in Kooperation mit dem Seniorenbüro der Stadt Freiburg und dem Deutschen Familienverband-Landesverband Baden-Württemberg. Gegen Mithilfe im Vermieterhaushalt haben Studierende der Freiburger Hochschulen die Möglichkeit, günstig zu wohnen.

Als sich im Jahr 2007 die Geburt des zweiten gemeinsamen Sohnes des Kabarettisten Thomas und der Gymnasiallehrerin Martina ankündigte, keimte in ihnen der Wunsch nach Unterstützung bei der Kinderbetreuung und im Haushalt. Eine Freundin erzählte ihnen von „Wohnen für Hilfe“. Neugierig nahmen Thomas und Martina Kontakt zum Studentenwerk auf.

Die Lebenserwartung steigt in Deutschland stetig. So wird momentan jeder zweite Mann wenigstens 80 Jahre alt und jede zweite Frau sogar über 85.[1] Viele Senioren möchten ihr gewohntes Lebensumfeld nicht aufgeben, obwohl das Verrichten alltäglicher Arbeiten in Haus und Garten immer schwieriger für sie wird. So kümmerte sich auch Irma Schwarz seit dem Tod ihres Mannes im Jahr 2006 alleine um ihr Grundstück. Doch vor allem die schweren Gartenarbeiten bereiteten ihr immer mehr Mühe. Als sie 2009 einen Artikel in der Badischen Zeitung über „Wohnen für Hilfe“ las, meldete sie sich beim Studentenwerk.

Nicole Krauße, Betreuerin des Projektes „Wohnen für Hilfe“ im Studentenwerk Freiburg, berät sowohl die Mieter als auch die Vermieter beim Suchen und Finden von Wohnpartnerschaften. „Es ist immer eine individuelle Einzelfallvermittlung “, betont sie. Eine Voraussetzung für das Gelingen sei, dass gewünschte Hilfeleistungen im Vorfeld genau definiert werden, und die Erwartungen, Wünsche und Rahmenbedingungen so exakt wie möglich geklärt seien. Der persönliche Kontakt zu beiden Seiten sei enorm wichtig.

Luba zog im Mai 2007 zur Familie von Thomas und Martina. Sie bewohnt sehr kostengünstig ein möbliertes Zimmer mit Kochgelegenheit und eigenem Bad in der unteren Etage der Wohnung. Sie war die erste Bewerberin, die die Familie kennenlernte und der sie sofort zusagte. Martina, selbst ziemlich vergesslich und chaotisch, sah in der ruhigen Lehramtsstudentin den verlässlichen und ausgleichenden Gegenpol. „Ich war überrascht, wie gut das Zusammenleben von Beginn an funktionierte.“ Das sei vor allem Lubas Flexibilität zu verdanken gewesen, denn Absprachen und Hilfeleistungen wurden nie lange vorher festgelegt, sondern erfolgten meist spontan.

Luba lebte zuvor bereits in einer Familie auf deren drei kleine Kinder sie aufpasste. Und obwohl sie sich dort nicht wohl fühlte, wollte sie dem Projekt eine zweite Chance geben, „denn nicht alle Familien sind gleich“.

Auch Irma entschied sich schnell. „Ich las „Student der Forstwissenschaft“ und dachte, der ist doch perfekt für meinen Garten“, erklärt sie. Der gebürtige Trierer Jan suchte nach der Trennung von seiner Freundin im Juli 2009 eine bezahlbare Ein-Zimmer-Wohnung außerhalb der Stadt. WG oder Wohnheim kamen für ihn nicht in Frage. Über seine Ex-Freundin kam er zu „Wohnen für Hilfe“.

Luba wurde sehr warmherzig aufgenommen. Viele gemeinsame Aktivitäten und Reisen schweißten sie und die Familie zusammen. „Es war super, ich habe sehr viel erlebt.“ Beim schwimmen mit den Kindern lernte sie ihren jetzigen Freund kennen. Auf die Frage, ob es je ein Problem gewesen sei, diesen mitzubringen, lacht Thomas: „Einen groben Fehler beging er: Er brachte zum ersten Frühstück nur vier Brötchen mit.“

Jan beschreibt seinen und Irma Schwarz´ Start als eher zurückhaltend. „Das könnte aber daran gelegen haben, dass es für uns beide die erste „Wohnen für Hilfe“-Erfahrung war“, erklärt er. Doch bald schon aßen sie oft gemeinsam zu Mittag wenn Jan Gartenarbeiten erledigte: Hecken schneiden, Rasen mähen, Treppen putzen und Hausmeistertätigkeiten machen Hunger.

In den Ferien und während stressiger Uni-Phasen wurden die Arbeiten ohne Probleme verschoben. „ Verständnis habe ich schon“, betont Irma. Schwieriger wurde es, wenn Jan für längere Zeit Besuch hatte. Partys hingegen seien nie ein Problem gewesen. Da hatte eher er Angst, dass sie „gleich mit dem Besen an die Decke klopfen würde“, was aber nie vorkam.

Und jetzt mal ehrlich? Wie sieht es aus mit Konflikten?

Konflikte zwischen Luba und der Familie entstanden wenn, aus Missverständnissen oder Fehlplanungen. Martina betont, dass oftmals ihre chaotische Art zu Unklarheiten führte. „Wir haben das aber immer offen angesprochen. In einem so engen Wohnverhältnis ist es wichtig, dass man Grenzen respektiert und Rücksicht nimmt.“ Martina, die schon immer in WGs lebte und gerne Menschen um sich hat, sah Luba nie als Fremde. Auch Thomas betont: „Der Verlust an Privatsphäre ist gering im Vergleich zu dem, was man gewinnt. Ein neues Familienmitglied und einen Einblick in eine fremde Kultur.“ Für Luba vor allem eine neue Esskultur. „Ich fand es zunächst sehr seltsam, dass man einfach nur Reis mit Gemüse isst, aber wenn ich jetzt zu meiner Familie fahre, kann ich das ganze Fleisch dort gar nicht mehr essen.“

Für Jan war die Gartenarbeit ein willkommener Ausgleich zum Studium, und auch „der finanzielle Aspekt, der am Anfang im Vordergrund stand, ist nach und nach in den Hintergrund gerückt. „„Wohnen für Hilfe“ birgt schon ein hohes Konfliktpotential – zum Beispiel wenn etwas nicht genau so erledigt wird, wie die ältere Person es sich in den Kopf gesetzt hat. Da ist Toleranz gefragt. Aber es hat auch seine tollen Seiten: Man hat Familienanschluss, wenn man es wünscht und profitiert, wenn mal wieder frisch gebackener Kuchen vor der Türe steht“, fasst Jan, der im Oktober 2012 mit seiner neuen Freundin zusammenzog, seine Erfahrungen zusammen. Er sieht seine Zeit bei Irma Schwarz als große Bereicherung.

Dies bestätigt auch die Resonanz, die Nicole Krauße immer wieder erhält. „Wohnen für Hilfe“ sei ein Gegenpol zum verkopften Studium und vor allem nach dem Wegfall des Zivildienstes eine gute Gelegenheit, soziale Kompetenzen zu erlangen.

Dr. Stephan Fischer, Geschäftsführer Studentenwerk Freiberg und Ausschussvorsitzender Wohnen DSW, kann dem nur beipflichten: „Wohnen für Hilfe ist eine tolle Idee, vor allem um Studierende mit sozialer Kompetenz auszustatten und der zunehmenden Vereinzelung der Studierenden entgegenzuwirken.“

Nach fünf Jahren zog Luba im Herbst 2012 zu ihrem Freund. Zur Familie hält sie noch immer engen Kontakt. „Ich fand es toll, alles von Anfang an mitzuerleben, praktisch von Geburt an dabei zu sein. Sie waren von Anfang an gut zu mir, also wollte auch ich gut zu ihnen sein“, betont sie.

Jan und Irma  bleiben ebenso in Verbindung. Und wenn größere Gartenarbeiten anstehen, hilft er gerne. Doch auch für Ersatz vor Ort ist gesorgt: Im Oktober 2012 zieht Denise, Biologie-Studentin aus dem Sauerland in das Apartment. Und auch in Freiburg Rieselfeld geht es weiter. Martina und Thomas sagten unabhängig voneinander Mauricio aus Guatemala und Xiomiyaruth aus Venezuela ein Zimmer zu. Platz ist genug vorhanden – Hilfewünsche auch.

Den ganzen Artikel könnt ihr im DSW-Journal 4-2012 nachlesen (S. 24-27)

Fotos: Felix Groteloh


[1]Quelle: Statistisches Bundesamt, Oktober 2012

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