Schweigen ist Gold – Wie ein Jongleur den Kleinkunstpreis gewann

Sonntagabend. Für manche die beste Zeit zum Tatortschauen für andere diesmal die perfekte Zeit, um sich einen kulturellen Abend zu machen. Nachdem euch auf der Facebookseite des Studierendenwerks eine Woche lang die Kandidaten und die Kandidatin des Wettbewerbes vorgestellt wurden, war es am Sonntag um 19 Uhr endlich soweit. Der erste Eindruck nach einem Blick durch den Saal, kurz vor Beginn der Veranstaltung war: es ist voll hier drin, sehr voll sogar. Die Stühle reichten schon lange nicht mehr, aber schließlich lässt es sich auch auf Treppen und notfalls auf dem Boden sitzen. Beste Voraussetzungen also für die Kleinkünstler, um das eigene Können zu präsentieren.

Doch bevor einer der Künstler auf der Bühne zu sehen war, erschien mit Klaus Gülker ein SWR4-Moderator, der statt einer Schlagersendung heute den Kleinkunstpreis moderierte. Allem Anschein nach ist er kein großer Freund sprachlicher Veränderungen. So hätte er lieber vom „Studentenwerk“ statt vom „Studierendenwerk“ gesprochen, lieber von „Germanistik“ statt von „Deutscher Sprach- und Literurwissenschaft“ und hätte die „Lecture Performance“ gerne in eine „Szenische Lesung“ umbenannt, aber er hat sich arrangiert. Nach der Mitteilung, dass die Objektakrobatin Lotta Müller ihren Auftritt abgesagt hat, rief Klaus Gülker nach einem Blick auf seinen Zettel zu „frenetischem“ Applaus auf und bat damit den ersten Künstler auf die Bühne.

Der Alltag war das Thema des Stand up Comedian Lars Lenius, Dinge, die wahrscheinlich 1die meisten der Anwesenden schon so oder so ähnlich erlebt haben, zumindest sofern sie irgendwas jenseits von Medizin, Jura oder Maschinenbau studieren. Irgendein Klassentreffen mit der obligatorischen Frage, was man denn so studiere und den Reaktionen, wenn die Antwort eben „Geschichte und Skandinavistik“ ist, wie bei Lars. Auch das Thema Wohnungssuche in Freiburg verpackt Lars so, dass für die Jury am Ende feststeht: „Du machst keine Witze, du machst Pointen“. Mit einem Vergleich von Ikea mit einer Legebatterie, wo im Idealfall die „Männchen“ bereits am Eingang aussortiert und geschreddert werden, um den Umsatz an Duftkerzen zu steigern, sicherte sich Lars an diesem Abend den 2. Platz und damit 300 Euro, gestiftet vom Studierendenwerk.

Als zweites erschien Robert Kühne mit einem Notenständer auf der Bühne und begann seine Lecture Performance mit dem „Alpenjägerlied“ des Niederländers Paul van Ostaijen. Für all diejenigen, die bis dahin nicht wussten, was sie bei einer Lectu2re Performance erwartet, machte Robert klar, dass es nicht einfach darum geht einen Text zu lesen,sondern ihn kunstvoll darzustellen. Zwei Männer kommen sich entgegen und treffen sich mit ihren „hohen Hüten“ vor dem „Hutladen“, denn „das ist ihr gutes Recht“. Das Gedicht an sich war schon einigermaßen skurril und die Performance passte dazu. Das zweite Gedicht war einer von den Streichen Max und Moritz‘, bei dem sie dem Onkel Maikäfer unter die Bettdecke steckten.

Danach ver3wandelte sich die Bühne kurzerhand in einen Barbershop und das allein durch die Präsenz von vier Schulmusikern, oder besser: einem „Herrengedeck“. Die vier Männer bilden zusammen eine A Cappella-Formation die stimmlich beeindruckend Stücke auf die Bühne bringt, die von toten Fischhändlerinnen handeln und schließlich die Liebe verabschieden und bei der Einsamkeit ankommen. Dafür bekamen sie den vom Vorderhaus gestifteten 3. Preis, dotiert mit 200 Euro und den Rat ein bisschen an der Präsentation zu arbeiten, wobei nicht so ganz klar wird, was damit gemeint ist, vielleicht fehlte einfach die Pyrotechnik.

Nach einer Pause war Marian Mey an der Reihe, der kurz vor dem Referendariat steht. Zu Akkordeonmusik warf er Keulen in die Luft und – was viel faszinierender war – er fing sie auch wieder auf. Er jonglierte mit drei Keulen, mit vier Keulen, mit fünf Keulen, schmiss seine Mütze dazu. Doch er jonglierte nicht nur, er verpackte das Ganze in einer clownesken Dar6bietung, stülpte sich einen Eimer über den Kopf und jonglierte blind. Als nächstes jonglierte es mit Ringen, die er dazu auch noch wie Hula-Hoop-Reifen um seine Handgelenke kreisen ließ oder sich wahlweise um den Hals legte. Dafür attestierte ihm die Jury eine „saubere handwerkliche Basis“. Marian ließ sich auch kein Stück davon aus der Ruhe bringen, dass die Decke sehr niedrig war und einige Tricks im ersten Versuch nicht klappten, dann probierte er es halt ein zweites Mal. Das Publikum dankte es ihm mit Applaus, sobald er eine weitere Keule oder einen nächsten Ring durch den Raum bewegte, so schnell, dass das Zählen der Ringe schwer fiel. Und nicht nur Applaus, sondern auch den 1. Preis, gestiftet von der Uni, erhielt Marian dafür und ganz nebenbei auch noch den Publikumspreis dotiert mit zwei Fässern „Fürstenberg“ – und nein, damit hat er nicht jongliert, zumindest nicht auf der Bühne.

Auch wenn alle Preise jetzt schon vergeben sind, einen Kleinkünstler gab es da n7och, Julian Limberger. Wieder ein angehender Lehrer, davon gab es an diesem Abend vergleichsweise viele auf der Bühne. Der Abend, der mit Comedy begonnen hatte, sollte auch damit enden. Und ein bisschen hat man Julian den Lehrer angemerkt, spätestens, als es interaktiv wurde und er in der ersten Reihe Zettel und Stift verteilte, mit der Bitte aufzuschreiben, was man den Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern immer schon mal sagen wollte. Daraus macht Julian zum Ende seines Auftritts ein kleines improvisiertes WG-Gespräch. Außerdem parodiert er Tanzstile und stellt zu Beginn erst einmal klar, dass er nicht der einzige ist, der Schlager hört, indem er ein „Atemlos“ in den Raum ruft, das umgehend mit einem „durch die Nacht“ beantwortet wird.

Der Abend hat gezeigt, dass es unter den Studierenden ein hohes und vor allem vielfältiges kleinkünstlerisches Potenzial gibt, dem durch diesen Wettbewerb eine ideale Plattform gegeben wurde. Die Nachfrage des Publikums war mehr als vorhanden, insofern steht fürs nächste Mal fest: bitte mehr davon!

9

 

 

 

 

 

 

 

 

3 Gedanken zu “Schweigen ist Gold – Wie ein Jongleur den Kleinkunstpreis gewann

  1. kein kommentar – natürlich inhaltlich perfekt und informativ – ich habe nur eine Frage: der Text des „Alpenjägerliedes“ würde mich sehr interessieren (dass er vom Niederländer Paul van Ostaijen ist, bekam ich bereits heraus, doch fand ich den Text nicht)
    sehr erfreut wäre ich, ihn zu erhalten und danke sehr
    herzlichst Bernhard Wenzlaff

Was denkst du dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s