Ein Besuch im Uniseum

Es gibt Museen und es gibt das Uniseum. An diesem Samstag habe ich mich zum zweiten Mal hineingewagt, um mich zwischen Präparaten von Skorpionen und Schildkröten, Geburtszangen und Kerzenleuchtern der Jesuiten über die Universitätsgeschichte zu informieren. Nachdem ich mir die Ausstellung erst alleine angesehen habe, habe ich ganz nebenbei dann auch noch eine Privatführung bekommen.

Die Ausstellung teilt sich in verschiedene Bereiche auf zwei Etagen. Zum einen lässt sich die Geschichte der Uni nachvollziehen. Zum anderen präsentieren sich die unterschiedlichen Fachbereiche mit einer Vielzahl an Exponaten.

Die Universität wurde im Jahr 1457 gegründet von Albrecht VI., der vor diesem Hintergrund einer der Namensgeber der Uni ist. Da die Uni jedoch ohne den Großherzog Ludwig von Baden nicht hätte fortbestehen können, da das Geld fehlte, hat die Uni seither ihm zu Ehren einen Doppelnamen.

Neben den Schautafeln zu den Reformen von Maria-Theresia, die unter anderem dafür sorgte, dass die Lehre nicht mehr länger auf Latein, sondern auf Deutsch vollzogen wurde, findet sich das „Kabinett des Staunens“. Es ist ein in schwarz gehaltener Raum mit Schaukästen, in denen sich die Präparate von Schildkröte und Skorpion neben menschlichen Schädeln finden.

3Für den Dichter und Philologen Johann Georg Jacobi wurde eigens eine Teerunde nachgestellt, die sich betrachten lässt, während aus einem Telefonhörer ein Tenor zur Musik von Wolfgang Amadeus Mozart „Wenn die Lieb‘ aus deinen blauen hellen offnen Augen sieht“ singt.

Auf der anderen Seite des Raumes begibt man sich dann wieder in den Bereich der Geschichte. Hier geht es um die Zeit der beiden Weltkriege. Zum ersten Weltkrieg empfiehlt mir Yasmin, die die Führung macht, das Buch „»Solange die Welt steht, ist soviel Blut nicht geflossen« Feldpostbriefe badischer Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg 1914 bis 1918“ herausgegeben vom Landesverein Badische Heimat e.V. und dem Landesverband Baden-Württemberg im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.

2Doch auch aus dieser Zeit lassen sich unterhaltsame Dinge berichten. „Geistesarbeiter benötigen zur Höherentwicklung vollwertige Nahrungsmittel wie: Vollbrot, Keks, sämtliche Nuß- und Fruchtprodukte, Wein- u. Obstsäfte usw. Sämtl. Haupflege-Öle“, so das Reformhaus Weber und die müssen es ja wissen.

Ebenso wie die Universitätsbuchhandlung, die 1netterweise meint, dass sie nichts dagegen hätte, dass man wöchentlich eine Mark für Tabak und Alkohol ausgibt, aber ein bisschen mehr Geld für Bücher wäre ja auch ganz schön.

In der Rede, die Matin Heidegger am 27. Mai 1933 zur Übernahme des Rektorats gehalten hat, heißt es: „Die drei Bindungen – durch das Volk an das Geschick des Staates im geistigen Auftrag – sind dem deutschen Wesen gleichursprünglich. Die drei von da entspringenden Dienste – Arbeitsdienst, Wehrdienst und Wissensdienst – sind gleich notwendig und gleichen Ranges“. Dementsprechend war dann auch der Besuch der Vorlesung über „Rassenkunde und Rassenhygiene“ verbindlich und das Vorlesungsverzeichnis bot Veranstaltungen wie „Richtiges Recht“ am 21. Dezember 1933 und „Das deutsche Volk im deutschen Raum“ am 25. Januar 1994 an. Daneben finden sich Berichte über Zwangsarbeit und medizinische Experimente, die zu Erkenntnissen kommen, bei wie vielen Höhenmetern der Tod eines Menschen eintritt. Die Aufarbeitung dieser Zeit ist noch nicht abgeschlossen und wird von der Uni weiter betrieben.

IMG_1248 Die ästhetisch gewöhnungsbedürftigsten Exponate liefert wohl der Fachbereich Medizin, der beispielsweise Moulagen von Haut- und Geschlechtskrankheiten und damit einen Einblick in Röntgenverbrennungen, Lymphatische Leukämie und Pestbeulen liefert und mit ca. 850 solcher Anschauungsobjekte auf die bis heute umfassendste Sammlung in Deutschland verweist.

Die Vielfalt der Exponate wird spätestens dann deutlich, wenn man auf der einen Seite eine Geburtszange, auf der anderen eine Münzwaage entdeckt und daneben ein Aktentransportfass aus Eisen. Außerdem sind da noch Nachbildungen von Molekülen, ausgestopfte Waldtiere im Bereich der Natur- und Forstwissenschaften, eine chinesische Schreibmaschine oder ein „Triumphierender Christus mit Fahne“.

IMG_1247Auch die Studentenproteste der 70er Jahre sind an der Uni Freiburg nicht vorbeigegangen, da sich wohl auch hier „unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren“ bemerkbar machte. Im Vorbeigehen hört man den Aufruf der Polizei, dass dies eine ungenehmigte Demonstration und diese dementsprechend aufzulösen sei. In diese Zeit passt auch eine Info der Basisgruppe der Fachschaft Soziologie, aus der Sonderausstellung im Uniseum. In dieser Info heißt es: „Wir müssen Räume finden, in denen wir die Auseinandersetzung um den Charakter von Sozialwissenschaft im Imperialismus führen“.

Weiter geht es im Untergeschoss. Hier zeigt mir Yasmin, die seit Oktober im Uniseum arbeitet, in einem Raum die alten Statute der Uni. Der Tagesablauf eines guten Studenten beginnt um 5 Uhr morgens mit Beten, Lernen, Frühstücken und geht dann weiter mit Beten, Lernen, Arbeiten und endet um 20 Uhr. Ein Tagesablauf, der sich in dieser Form heute an der Uni wohl eher seltener findet. Verboten waren dagegen ausdrücklich Glücksspiel und Damenbesuche, darauf standen Karzer oder sogar Ausschluss von der Universität.

Der Rundgang durchs Uniseum lässt sich mit einem kurzweiligen „Who-is-who“, einer Wand mit alten Fotos mehr oder minder bekannter Personen, die mal an dieser Uni waren, abschließen. Da hängt Konrad Adenauer neben Hannah Arendt und sogar die TV-Richterin Barbara Salesch hat einen Platz an dieser Wand – kleiner Tipp: die Frisur ist anders.

Das Uniseum befindet sich in der Bertholdstraße 71 und hat donnerstags von 14-18 Uhr, freitags von 14-20 Uhr und samstags von 14-18 Uhr geöffnet. Um 14 Uhr und 16 Uhr finden jeweils Führungen statt, für diejenigen, die da sind. Der Eintritt ist übrigens umsonst. Eine Exklusivführung, wie ich sie hatte, ist zwar sehr praktisch, aber die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter freuen sich immer auch über ein größeres Publikum.

Und es lohnt sich mal vorbeizuschauen, schon alleine um die Frage zu beantworten: „Wie viele Engel gehen auf eine Nadelspitze?“.

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