Herr Mendig hat den Arzttermin vergessen – Wie Studierende Senioren im Alltag unterstützen können

Einen sinnvollen Nebenjob ausüben. Das ist das Ziel der Teilnehmer des Qualifizierungskurses für die Senioren-Service-Börse. Die Plattform des Studierendenwerks vermittelt ältere Menschen und Studierende. Diese sind den Senioren bei den immer schwerer werdenden Herausforderungen des Alltags behilflich. 

Die erste Erkenntnis des dreistündigen Kurses kommt schnell: Älter werden ist nicht einfach. Erledigungen wie Arztbesuche, Einkaufen oder den Haushalt zu schaffen, werden immer schwerer. Da ist es schön jemanden zu haben, der hilft. Genau deshalb sind die sieben TeilnehmerInnen heute hier. „Ich möchte einfach einen sinnvollen Nebenjob ausüben“, sagt Lena in der Vorstellungsrunde. Sie studiert Soziale Arbeit und kann sich auch vorstellen, aus dem heutigen Tag etwas für ihre berufliche Zukunft mitzunehmen. „Ich kam mit Senioren schon immer gut klar“ erzählt die Studentin. Immerhin hätten diese auch jede Menge spannende Geschichten zu erzählen.

Um genau diese Geschichten geht es auch im ersten Teil des Seminars. Um einen Einblick in die Lebensgeschichten der heute 82- jährigen Menschen in Deutschland zu bekommen, schauen wir uns die verschiedenen Stationen in der deutschen Geschichte an. Da ist ganz schön viel passiert. Kindheit im Faschismus, Jugendjahre in einem zerstörten Land, Erwachsenwerden zwischen Wirtschaftswunder und Digitaler Revolution.Bei so viel Erlebtem scheinen die Gesprächsthemen auf der Hand zu liegen- und doch ist es manchmal gar nicht so einfach, mit älteren Menschen zu kommunizieren. „Meine Nachbarin erzählt immer wieder das Selbe“ meint ein Seminarteilnehmer. Ein gutes Gespräch mit der älteren Dame zu führen, sei ihm deshalb selten gelungen.

Seminarleiterin Birgit Schuhmacher gibt Tipps für die spätere Zusammenarbeit mit Senioren. Um gute Gesprächsthemen mit älteren Menschen zu finden sei es wichtig zusammen aktiv zu werden, so die Geschäftsführerin der Abteilung Wissenschaft im Institut für angewandte Sozialforschung AGP. Gemeinsames Kochen oder Musik hören seien gute Anhaltspunkte, da Gerüche und Geräusche schnell Erinnerungen hervorbringen und zudem eine angenehme Atmosphäre schaffen. Außerdem kann das gemeinsame Anschauen von Fotos und Bildern aus vergangenen Zeiten interessanten Gesprächsstoff bieten, genau wie ein gemeinsamer Spaziergang zu biografisch bedeutsamen Orten wie der alten Schule oder aber auch dem Friedhof.

Sich aktiv mit der eigenen Lebensgeschichte zu befassen ist ein wichtiger Schritt im Alter. Dabei kann es auch schon einmal zu schwierigen Situationen kommen. Besonders wenn man im Gespräch merkt, dass einem grundlegende Überzeugungen fragwürdig vorkommen und rassistische oder frauenfeindliche Aussagen fallen. „Es ist in jedem Fall wichtig, auch achtsam mit sich selber zu sein“, betont Birgit Schuhmacher. Diskussionen mit älteren Menschen können schwer sein, manchmal hilft es dann, sich die Gefühle und Erfahrungen hinter einer abwertenden Äußerung klar zu machen und diese ernst zu nehmen. Sollte man mit der Weltanschauung des Gegenübers gar nicht klarkommen, kann es besser sein den Kontakt abzubrechen.

Doch auch wenn man sich mit der älteren Dame oder dem älteren Herren super versteht – die Unterstützung von älteren Menschen in ihrem Alltag ist und bleibt eine anspruchsvolle Aufgabe. Schließlich verändert sich mit dem Alter vieles, was man vielleicht lieber unverändert gelassen hätte. Neben den grauen Haaren und dem immer schlechter funktionierenden Sinnen verringert sich auch die Mobilität. Wer weniger von der Welt da draußen mitbekommt, schaut mehr Fernsehen und hat außerdem vielleicht deshalb auch öfters schlechte Laune. Um dem entgegenzuwirken hilft es, die eigenen Erfahrungen der älteren Menschen in Gespräche über neue Entwicklungen einzubeziehen. Und bei Interesse auch einmal zu erklären, wie die neumodische Fernbedienung funktioniert.

Ein großes Thema, wenn es um das Älterwerden geht, ist die Demenz. Die meist gefürchtete Krankheit Deutschlands ist nach neuesten Forschungsergebnissen wohl mehr eine Alterserscheinung als eine konkrete Erkrankung und damit stehen auch keine Heilungschancen in Aussicht, erklärt Birigit Schuhmacher. Nachdem wir einige theoretische Informationen zum Thema Demenz erhalten haben, geht es gleich an die Praxis. Wie geht man mit einem Menschen um, der sich selbst vergisst? Wichtig ist es, laut der Kursleiterin, im Kopf zu behalten dass Gefühle und Erleben nicht unmittelbar von der Demenz betroffen sind. „Wenn Sie einen dementen Menschen zum Lachen bringen, dann hat dieser das höchstwahrscheinlich nach fünf Minuten wieder vergessen. Das schöne Gefühl bleibt trotzdem in der Person.“

Die Teilnehmer des Qualifizierungskurses unter der Leitung von Birgit Schuhmacher und Monika Burchgart

Die Teilnehmenden des Qualifizierungskurses unter der Leitung von Birgit Schuhmacher und Monika Burchgart

Wir bekommen Szenarien, die wir in Gruppen durchspielen. Eine von uns ist Herr Mendig, der vergessen hat, dass wir einen Arztbesuch haben und die andere versucht mit den eben erlernten Kommunikationsstrategien ihn doch zum Gehen zu animieren. Das ist gar nicht so einfach. Monika Burchgart ist Pflegefachfrau und gibt uns Tipps aus der Praxis. Keine Entweder-oder-Fragen stellen, keine direkten Einwände an das Gesagte stellen sondern über ein anderes Thema zum Eigentlichen umleiten. Das ist eine ganz andere Art von Kommunikation wie wir sie sonst untereinander führen würden. Am Ende unseres Rollenspiels will Herr Mendig immer noch nicht zum Arzt. Das muss ich dann einfach akzeptieren.

Die Unterstützung im Alltag, wie sie von der Vermittlung der Senioren Service Börse angeboten wird, ist jedoch auch für ältere Menschen ohne Demenz eine wichtige. Vor allem wenn sie körperlich nicht mehr ganz so fit sind. Auch auf diesen Fall werden wir in dem Kurs vorbereitet. Monika Bruchgart zeigt uns, wie man einem älteren Herren aus dem Fernsehsessel helfen kann, wie man eine ältere Dame die Treppe hinunterbegleitet und was getan werden muss, falls die Person einmal stürzt. Als wir das Ganze in Zweiergruppen üben, wird mit bewusst, was für ein anstrengendes Berufsfeld die Altenpflege sein muss. Und doch ist es ein gutes Gefühl, als meine Partnerin mit meiner Hilfe wieder auf ihrem Stuhl sitzt.

Am Ende des Kurses bekommen alle Teilnehmer ein Zertifikat ausgestellt, das sie zur Aufnahme in die Senioren-Service-Börse befähigt und damit auch die Türen zu einem bereichernden Nebenjob öffnet, der sicherlich viele Herausforderungen aber auch spannende Begegnungen und interessante Gespräche für die Studierenden bereit hält.

Weitere Informationen:
Die Senioren-Service-Börse ist ein Angebot vom Studierendenwerk Freiburg-Schwarzwald in Zusammenarbeit mit AGP Sozialforschung (Institut an der Evangelischen Hochschule). Die Vermittlung über die Senioren-Sevice-Börse ist kostenfrei. Die Vereinbarung über den Betreuungsumfang und die Bezahlung wird direkt zwischen den Studierenden und den Auftraggebern vereinbart. In der Senioren-Service-Börse werden nur Studierende aufgenommen, die ein Zertifikat über den Qualifizierungskurs erworben haben oder ihre Erfahrung im Umgang mit älteren Menschen durch ein Freiwilliges Soziales Jahr, eine Berufsausbildung oder Ähnliches nachweisen können. Aufgaben im pflegerischen Bereich werden von Studierenden, die von der Senioren-Servicce-Börse vermittelt werden nicht übernommen. Link zum Nachlesen: https://www.swfr.de/geld/studijob/senioren-service-boerse/

Was denkst du dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s