Mit einer Stammzellenspende Leben retten

Als Johanna und ich am Flughafen in Basel stehen, sehen wir aus wie zwei Freundinnen die sich eine kleine Auszeit in einer anderen Stadt gönnen. Doch die nächsten drei Tage in Dresden werden mehr als nur ein Kurzurlaub sein: Johanna wird am Dienstag der Woche ihre Stammzellen an einen anonymen Empfänger spenden.

Bei der Typisierungsaktion des Studierendenwerks hatte sich Johanna im letzten Jahr in die Datenbank der DKMS aufnehmen lassen. Anregung für die Registrierung war damals die an Blutkrebs erkrankte kleine Schwester eines Freundes. Der konnte Johanna leider nicht helfen. Ein halbes Jahr später kam jedoch der Anruf: Ein Mensch mit  genetisch identischen Merkmalen braucht ihre Hilfe. Johanna sagt sofort zu, eine Woche später hält sie die Unterlagen mit allen Informationen zur Spende in der Hand.

Ein halbes Jahr später, an einem ganz normalen Sommertag, schlendern wir gemeinsam über den Flohmarkt. Johanna hat die Voruntersuchung bereits hinter sich gebracht. Wie bei mittlerweile 80% aller Spenden wird auch sie eine periphere Stammzellenapherese machen. Das heißt, dass die Stammzellen nicht direkt aus dem Knochenmark, sondern aus dem Blut entnommen werden. Um ihren Körper auf die Spende vorzubereiten, spritzt sie sich insgesamt fünf Tage lang das körpereigene Peptidhormon G-CSF. Dieses „mobilisiert“ ihre blutbildenden Stammzellen aus dem Knochenmark in den Blutkreislauf, damit diese dann durch eine Zentrifuge direkt herausgefiltert und gesammelt werden können.
Wie so manches Medikament bleiben auch die Spritzen nicht ganz ohne Nebenwirkungen. Johanna fühlt sich als wäre sie erkältet, außerdem machen sich Gliederschmerzen in ihrem Körper breit. Trotz allem schlägt sie sich tapfer und hält mit der Hilfe von ein paar Schmerztabletten durch.

404

Der Wirkstoff G-CSF muss fünf Tage vor der Spende zwei Mal täglich gespritzt werden.

Am Schlimmsten werden die Gliederschmerzen am Tag vor der Spende. Da heißt es, eine doppelte Dosis zu nehmen. Da wir zu der Zeit gerade im Biergarten sind, spritzt Johanna sich die zwei Spritzen im Biergarten in den Bauch. Die Dresdner haben Anstand – keiner starrt uns komisch an oder fragt uns was wir da machen. Nachdem wir die Sonne noch ein bisschen genießen konnten gehen wir zurück ins Hotel – schließlich müssen wir am nächsten Tag um 6 Uhr aufstehen und zur Klinik fahren. Am nächsten Morgen sitzen wir dann völlig übermüdet im Taxi. Die Schmerzen von den Spritzen waren doch stärker als gedacht, trotz Schmerztabletten war an Schlaf nicht zu denken. Wir kommen gegen acht bei Cellex an, der Firma die für die Entnahme und den Transport von Johannas Stammzellen verantwortlich ist. Wir werden sehr freundlich empfangen, vor dem Spendebereich ist ein kleines Wartezimmer, in dem Getränke und Süßigkeiten liegen. Wir sind beide so aufgeregt, dass wir nichts anrühren.

Ich darf erst zu Johanna, als sie an das Gerät angeschlossen ist. Sie liegt in einem sehr bequem aussehenden Stuhl, überall sind Schläuche und Nadeln aber alles in allem sieht sie ganz entspannt aus. In den nächsten drei Stunden wird ihr Blut durch die Maschine und anschließend wieder zurück in ihren Körper gepumpt. Dabei werden die Blutstammzellen herausgefiltert und in einem durchsichtigen Plastiksäckchen gesammelt. Die nächsten drei Stunden sitze ich neben ihr und schau dabei zu, wie sich das Säckchen zunehmend mit ihren orange aussehenden Stammzellen füllt. In dem Raum hängt ein Fernseher. Wir schauen „Monsieur Claude und seine Töchter“ auf DVD.

cellex erklärung

In der Zentifuge werden die Stammzellen herausgefiltert und gesammelt.

Während die Zentrifuge ihre Blutzellen ordnet, beantwortet uns die zuständige Ärztin von Cellex, dem medizinischen Kompetenzzentrum der DKMS, alle unsere Fragen. Der Empfänger wird die Stammzellen innerhalb der nächsten Tage in Form einer Bluttransfusion erhalten. „Das sieht relativ unspektakulär aus, dafür wie spektakulär es in Wirklichkeit ist“, meint sie. Auf die Frage, wie ein Mensch einem anderen genetisch so ähnlich sein kann, erklärt sie uns, dass sich die DNA des Spenders und des Empfängers nur an ungefähr 10 Stellen ähneln müssen. „Es heißt zwar „genetischer Zwilling“ aber Spender und Empfänger müssen sich optisch überhaupt nicht ähnlich sein. Es muss nicht einmal das Geschlecht übereinstimmen“. Das Zielland sowie das Alter des Empfängers werden wir am Abend erfahren. Um persönlichen Kontakt herzustellen müssen zwei Jahre vergehen. So soll die Anonymität des Empfängers geschützt und der Druck von Seiten des Spenders gemindert werden. Über signifikante Fortschritte aber auch Rückschläge in der Krankheitsgeschichte wird der Spender informiert, ansonsten heißt es zu hoffen, dass sich die Zellen im Körper des Empfängers gut vermehren und es zu keinen Abstoßreaktionen kommt.

Am Nachmittag nach der Spende kommt der Anruf: Die Spendenmenge vom ersten Spendentag war ausreichend und Johanna muss nicht nocheinmal an die Maschnine angeschlossen werden. Das bedeutet für uns erstmal: Das schöne Dresden genießen und entspannen. Am Abend darauf fliegen Johannas Stammzellen bereits in die USA und wir zurück nach Basel. „Das ist schon krass, wenn man sich das so vorstellt, dass ein Teil von meinem Körper jetzt gerade durch die Welt fliegt“ meint meine Freundin zu mir, als wir im Bus nach Freiburg sitzen. Und trotzdem ist sie froh und auch ein bisschen stolz auf sich, die Spende gemacht zu haben. Als eine große Heldentat würde sie die Spende trotzdem nicht betrachten. „Wenn ich selber oder meine Familie und Freunde einen Spender brauchen – dann will ich auch, dass jemand hilft. Deshalb finde ich, dass ich selbst auch bereit sein sollte zu spenden.“

Sich als Stammzellenspender registrien lassen geht ganz einfach: 
Einfach Wattestäbchen mit einem Wangenabstrich per Post abschicken 
& zum potentiellen Lebensretter werden. 

Alle Infos gibt es unter:
http://www.dkms.de/de/spender-werden

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