Helfende Hände für weniger Miete

Ein großzügiges Esszimmer irgendwo zwischen Freiburger Wiehrebahnhof und Luisensteg. Die Sonne wirft viereckige Schattenmuster durch die hohen Altbaufenster, von draußen erklingt das Geigenensemble einer Musikschule. In dieser malerischen Kulisse sitzt Medizinstudentin Galina Stoyanova an einem großen Holztisch ihrer Vermieterin gegenüber. „Seit Februar wohne ich jetzt schon hier“, berichtet Galina, während sie Frau Galow hilft, dass beim Einschenken aus der Karaffe kein Wasser auf die schöne Spitzentischdecke tröpfelt. Die Medizinstudentin aus Bulgarien verbringt im Rahmen ihrer Promotion ein Jahr an der neurologischen Abteilung der Freiburger Universitätsklinik. Während dieser Zeit wohnt sie im Rahmen des Programms „Wohnen für Hilfe“ in der Wohnung der 68 jährigen Charlotte Galow. Die Rentnerin erlitt vor knapp zwei Jahren einen Schlaganfall und ist seitdem ab und zu auf etwas Unterstützung im Alltag angewiesen. Ihre Tochter meldete sie damals nach der Reha bei dem Projekt an, als sie noch im Rollstuhl saß und sich wegen eines grauen Stars schlecht alleine in ihrer Wohnung zurecht finden konnte. Mittlerweile ist sie wieder gut genesen, weiß aber dennoch hier und da eine helfende Hand zu schätzen.

Das Prinzip von Wohnen für Hilfe ist simpel, Studierende übernehmen kleinere freiwillige Hilfeleistungen für Senioren, Familien mit Kindern, Menschen mit Behinderung oder sonstige Interessierte und wohnen im Gegenzug vergünstigt in deren Wohnraum. Dies kann in einer WG sein, in einer Einliegerwohnung, oder wie in Galinas Fall, in einem eigenen Zimmer mit Bad. Nicole Krauße betreut das Projekt seit 2002 im Studierendenwerk Freiburg. Sie erläutert, dass auch die Formen der gewünschten Unterstützung, abhängig von der Situation der Vermieter, sehr unterschiedlich sein können, betont jedoch, dass Pflegeleistungen nicht vorgesehen sind. So wünschten sich manche ältere Menschen Gesellschaft bei gelegentlichem Kaffee und Kuchen und sind ungern auf Dauer alleine im Haus, andere Senioren hätten ein großes soziales Netzwerk, könnten aber zum Beispiel den Hund nicht mehr ausführen oder die Kehrwoche erledigen. Auch Hilfe bei der Kinderbetreuung oder Unterstützung im Alltag, im Haushalt oder Garten werde häufig gesucht. Mittlerweile wohnen durch das Projekt auch mehrere Studierende in verschiedenen Seniorenwohnheimen in Freiburg und bieten Bewohnerinnen und Bewohnern ihre Unterstützung an.

Bei genauerem Nachfragen, was denn Galinas Aufgaben seien, erwidert Frau Galow verlegen „Die Haare. Das ist mir sehr wichtig. Galina ist mittlerweile sehr geschickt mit dem Föhn und der Rundbürste und hilft mir bei Frisuren, die koordinativ nicht mehr klappen.“ Galina, die selbst einen lockeren Pferdeschwanz trägt, lächelt über dieses Lob und berichtet von anfänglichen Übungsstunden und einer Verwandten, die in Sofia einen Haarsalon betreibe. Abgesehen vom täglichen Frisieren begleitet die Bulgarin ihre Vermieterin einmal pro Woche zum Wiehremarkt und holt im Winter das Holz für den Ofen aus dem Garten. Dass es vor allem menschlich zwischen den beiden passt, zeigt sich nicht erst bei der dritten Anekdote über ein Igelpärchen, das die beiden vor kurzem im Garten entdeckt haben. Es sind vor allem die warmen Blicke der beiden Frauen, die sich so offensichtlich gegenseitig respektieren und unterstützen.

Den „passenden Deckel auf den Topf“ zu finden hat für Nicole Krauße oberste Priorität und so hilft sie durch Infoveranstaltungen, Vorgespräche und Fragebögen sowohl Vermietenden als auch Studierenden dabei, konkrete Vorstellungen für ein mögliches Zusammenleben zu formulieren. Zu wissen was man wolle, sich darüber auszutauschen und klare Absprachen zu treffen, das sei eines der wichtigsten Kriterien für das Gelingen einer Wohnpartnerschaft, und natürlich das persönliche Kennenlernen, um vorab herauszufinden, ob „die Chemie stimmt“. Derzeit verfügt die Vermieterdatenbank des Studierendenwerks über ein festes Kontingent an Angeboten, wobei zu Beginn des Wintersemesters, wie auch auf dem sonstigen Wohnungsmarkt, Knappheit herrsche. Sie rät den Studierenden, sich vor allem unter dem Semester zu informieren und zu bewerben, da Vermietende ihre Gesuche unabhängig von Semesterzeiten einstellen. Als Interessent sollte man vor allem offen sein und sich auf andere Menschen einlassen wollen. Den meisten Programmteilnehmern sei der soziale Aspekt des Zusammenlebens wichtiger, als die Einschränkung, auf wöchentliche Großparties im eigenen Wohnzimmer verzichten zu müssen. Derzeit wohnen in mehr als einem Drittel der Wohngemeinschaften Studierende aus dem Ausland, für die der kulturelle und sprachliche Aspekt des Programms ein zusätzlicher Gewinn ist.

Galina hat in ihrer Heimat Sofia für zwei Jahre Deutschunterricht genommen. Durch das tägliche Kommunizieren mit Frau Galow ging das Lernen der Sprache dann ganz schnell und heute kann die Bulgarin sich vorstellen, nach dem Ende ihres Medizinstudiums vielleicht sogar wieder nach Deutschland zurückzukehren. Auf die Nachfrage hin, ob Galina anfangs Zweifel am Wohnen mit einem fremden Menschen hatte, schüttelt die junge Frau den Kopf und betont, dass es vorher genug Möglichkeiten gab sich auszutauschen. Ein halbes Jahr noch wird sie hier in der Wiehre wohnen – In einer wunderschönen Altbauwohnung, die sich unter anderen Umständen wohl kein Studierender leisten könnte – zusammen mit Frau Galow.

Interesse am Projekt?

Nicole Krauße ist per Mail, telefonisch oder persönlich zu ihren Sprechzeiten erreichbar:
krausse@swfr.de / 0761 2101 353

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