Gemeinsam leben – Das Sozialprojekt Längenloh

Wie Geflüchtete in Deutschland untergebracht werden sollten wurde dieses Jahr wie kein zweites Thema intensiv in der Öffentlichkeit diskutiert. Das Studierendenwerk Freiburg und die Stadt Freiburg stellen in dieser Frage ihre Lösung vor. In der Wohnanlage “Längenloh” sind Studierende und Geflüchtete gemeinsam in einem Wohnheim untergebracht. Rund 150 Geflüchtete und 72 Studenten bezogen im Oktober 2016 die Anlage in Zähringen. 25 Studenten verpflichteten sich mindestens zwei Stunden pro Woche ehrenamtlich in der Betreuung der Geflüchteten mitzuarbeiten.

Bereits bei der Ausschreibung der Studienplätze war das Projekt ein voller Erfolg, allein 400 Studierende bewarben sich für die 25 ehrenamtlichen Plätze. Die Projektleitung konnte so die Plätze sowohl an Studierende mit Erfahrung im Flüchtlingsbereich oder Ehrenamt als auch an solche ohne Erfahrung aber hoher Motivation vergeben. Fünf Studierende wurden als Tutoren ausgewählt und koordinieren die ehrenamtlich tätigen Studierenden. Das Studierendenwerk koordiniert seinerseits die Tutoren und die Arbeit mit den Netzwerkpartnern wie dem lokalen Sozialdienst (Caritas) und des Helferkreises Zähringen der Stadt Freiburg.

Ein erstes Bewohner/innen-Fest fand kurz nach dem Einzug statt und erlaubte es den beiden Einwohnergruppen zwanglose Kontakte zu knöpfen. Hier entstanden bereits erste Ideen für Angebote zur Förderung der Integration.

Aktuelle Aktionen und Projekte beinhalten unter anderem Mutter Kind Kurse, Plätzchenbacken von Studierenden und Kindern Geflüchteter, Sprachtreff, Begleitung der Geflüchteter bei Behördengängen und ein Kinderbetreuungsangebot. Weitere Aktionen wie eine Fahrradwerkstatt, eine Fußball-Gruppe oder ein Blog sind geplant.

Wir hatten die Gelegenheit mit zwei Bewohnern ein kurzes Gespräch zu führen:

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Wie heißt du und wie alt bist du?

Annabelle und bin noch 19 Jahre alt.

Was machst du derzeit? Studium?

Ich studiere im ersten Semester Pädagogik der Kindheit an der evangelischen Hochschule.

Was hat dich dazu bewo´gen, dich in diesem Wohnheim und für dieses Projekt zu bewerben?

Daheim, wo ich herkomme, habe ich mich schon ehrenamtlich engagiert. Ich wollte mich auch hier engagieren und fand es eine gute Möglichkeit – die freie Zeit, die man hat – sinnvoll und ehrenamtlich zu nutzen.

Wie hast du vom Projekt Längenloh erfahren?

Über das Internet. Ich habe nach Wohnungen gesucht auf dem Wohnungsportal vom Studierendenwerk und habe es zufällig als Unterpunkt entdeckt.

Habt ihr bestimmte Betreuungsgruppen für die Geflüchteten oder kommt es eher von der eigenen Initiative?

Wir haben uns aufgeteilt in bestimmte Gruppen, wo wir verschiede Sachen zu bestimmten Zeiten anbieten, wie zum Beispiel Sportangebote, Deutschunterricht oder Kinderbetreuung, aber auch Strickkurse. Die Geflüchteten kommen dann wie sie wollen – und obwohl es einen Wochenplan gibt, wird alles eher durch Mundpropaganda verbreitet als durch Aushänge.

Wie war es für dich am Anfang? War es schwer, Kontakte zu knüpfen?

Durch die Angebote, die wir haben, war es einfacher. Auch war ein springender Punkt das Kennenlern-Fest, welches in der ersten Woche veranstaltet worden ist. Man läuft sich aber auch ständig über den Weg, das vereinfacht das Ganze auch ein bisschen.

Die Kommunikation müsste doch auch ein Problem sein. Wie verständigt ihr euch?

Wir haben den Diaa, der Medizin studiert, aber selber Geflüchteter ist. Er hilft uns beim Übersetzen, wenn es gar nicht mehr geht. Aber man muss auch sagen, dass viele schon gut Deutsch können.

Bist du zufrieden hier?

Ja, auf jeden Fall! Wir wollen hier gar nicht mehr raus.

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Hallo, kannst du dich uns vorstellen?

Ich bin der Diaa, bin 25 Jahre alt und studiere im dritten Semester Humanmedizin an der Universität in Freiburg. Ich bin seit weniger als 2 Jahren in Deutschland.

Du kannst ja sehr gut Deutsch, wie hast du dich am Anfang eingelebt?

Am Anfang war es sehr schwer, vor allem die Aussprache in Deutsch. Einer meiner Lieblingssätze ist: „Ich spreche ein bisschen Deutsch.“ Das ‚ch‘ ist für mich nicht so leicht.

Wie hast du Deutsch gelernt?

Als ich meinen Aufenthaltstitel erhalten habe, März 2015, hatte ich das Recht einen Deutschkurs zu besuchen. Ich habe intensive Kurse gewählt, die 5 Stunden pro Tag und 5 Mal die Woche waren. Ich habe zum Studieren aber einen höheren Level als B1 gebraucht und habe nach einer Stiftung gesucht und bekam ein Stipendium und habe mein Deutsch auf Level C1 gebracht.

War es schwer, nach Syrien – die ja eine komplett andere Kultur und Religion hat – dich in Deutschland zu Recht zu finden?

Ich selber interessiere mich für alle Religionen; bei uns in Syrien gibt es ja aber auch Christen, Orthodoxen und Moslems. Deshalb war es nicht wirklich neu für mich.

Aber der Lebensstil hier ist anders. Die Zeit verfliegt hier.

Wie bist du in Längenloh gelandet?

Ich habe Zusagen für mein Studium an mehreren Universitäten bekommen, habe mich aber dann für Freiburg entschieden. Als ich nach Zimmern im Internet gesucht habe, bin ich auf Längenloh gestoßen und es hat mein Interesse geweckt. Nachdem ich die Bewerbung abgeschickt hatte, wurde ich angenommen.

Wir haben mitbekommen, dass du seit 2008 studierst. Willst du uns die Geschichte dahinter erzählen?

Von 2008 bis 2012 habe ich 8 Semester am Stück studiert, musste aber mein Studium wegen des Krieges abbrechen. Dann habe eine Zeit lang gearbeitet, bis ich letztendlich geflüchtet bin.

Ich war ganze 6 Monate auf der Flucht – von Syrien über die Türkei bis nach Deutschland zu Fuß.

Musste mich sehr anstrengen, um mich für ein Studium in Deutschland zu bewerben. Das war mein größtes Ziel hier, aber ich habe es geschafft.

Gefällt es dir hier?

Ja, sehr. Ich fühle mich eigentlich wie daheim.

 

Geschrieben von Melanie Özkan

 

 

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