Bei Heimweh fahre ich zu Ikea

Viele Studenten treffen die Entscheidung, längerfristig in einem anderen Land auf einer ihnen nicht vertrauten Sprache zu studieren.
Welche Unterschiede es zu Erasmus-Studenten gibt, die oftmals nur ein Semester im Ausland verbringen, und welche kulturellen Besonderheiten auftauchen, stelle ich im Gespräch mit Johan Andersson fest.
Der junge und sympathische Schwede ist 20 Jahre alt und hat die Entscheidung getroffen, seinen Bachelor und voraussichtlich auch seinen Master an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg zu absolvieren. Momentan studiert er im ersten Semester VWL fernab seiner Heimatinsel Lidingö östlich von Stockholm in Schweden.

Warum hast du dich für die Universitätsstadt Freiburg entschieden? Warst du vor deinem Studium schon einmal in Freiburg?

Das erste Mal war ich 2008 auf der Durchreise nach Frankreich mit meiner Familie für eine Nacht in Freiburg. Deshalb habe ich leider kaum etwas von der Stadt gesehen.
Einige Jahre später habe ich an der Universität in Uppsala Deutsch studiert und einen Deutsch-Kurs in Freiburg absolviert, da es sich um eine Partneruniversität handelt. Ich war sofort hin und weg von Freiburg. Aus diesem Grund habe ich mich auch dazu entschieden, zu bleiben, um hier weiter zu studieren.

20160820_133931

Idyllisches Lidingö

Welche kulturellen Unterschiede konntest du bisher beobachten?

In Deutschland sind die Menschen, mit denen ich bisher Kontakt hatte, sehr höflich und hilfsbereit. Anders als in Schweden siezt man sich hier. Besonders aufgefallen ist mir, dass die Menschen direkter und offener als in meinem Heimatland sind. Dieser Aspekt gefällt mir gut. So weiß man genau, was der andere möchte und man kommt sich leichter näher. Allgemein wird hier sehr viel Wert auf die Umwelt gelegt, was sich z.B. an der Mülltrennung zeigt. In meiner Kommune in Schweden gibt es keine Mülltrennung. Umständlich ist nur die Bürokratie! Man muss Kontakt mit diversen Behörden haben, alles wird manuell und nicht elektronisch wie in Schweden erledigt.

Was schätzt du an Freiburg besonders?

Mein erster Eindruck: Eine sehr schöne, idyllische Stadt, die die perfekte Größe besitzt. Weder zu groß noch zu klein, sondern schön übersichtlich, so dass man sich schnell zurecht findet.
Die wunderschöne Umgebung im Schwarzwald sowie die Lage mitten in Europa und die Nähe zu Frankreich und der Schweiz kommen noch dazu.

Was gefällt dir an der deutschen Kultur und Mentalität?

Positiv fallen mir die Offenheit, die Direktheit und auch die Ordnung sowie die Natürlichkeit der Menschen auf. Zudem ist die Kultur sehr traditionsbewusst, was ich so aus Schweden nicht kenne.

14794241_10202419791094008_1842538925_n

Fika: Eine schwedische Kaffeepause     

Was vermisst du am meisten an Schweden?

Um ehrlich zu sein: Den starken schwarzen Kaffee! Der deutsche ist mir einfach zu schwach! In Schweden trinkt man ihn rund um die Uhr sehr stark, ohne Milch und Zucker.
Auch nach den schwedischen Gerichten mit seinen zahlreichen Fischgerichten habe ich manchmal Gelüste.
Ich vermisse zudem den richtigen Winter mit viel Schnee und eisiger Kälte oder den schier unendlich andauernden Sommer, während welchem es erst gegen 23 Uhr dunkel wird.
Auch das allemansrätten (Jedermannsrecht), durch das ich mich um Einiges freier in der Natur bewegen kann, fehlt mir manchmal.

Wie gut kommst du mit der Sprache zurecht?

Ich würde behaupten, dass ich gut zurecht komme. Bevor ich das erste Mal nach Deutschland gekommen bin, habe ich schon 7 Jahre lang Deutsch in der Schule gelernt. Aber im Alltag lernt man trotzdem jeden Tag etwas Neues dazu!
Die deutsche Sprache ist natürlich schwer, aber hat auch Ähnlichkeiten zur schwedischen.
Von den Menschen, mit denen ich Kontakt hatte, habe ich hinsichtlich der Sprache immer Unterstützung bekommen. Sie haben sich äußert geduldig gezeigt, wann immer es Verständnisschwierigkeiten gab.

Wie gefällt dir dein Studium bisher?

Sehr gut, auch wenn das Tempo wirklich hoch ist! Das VWL-Studium ist vielfältig, breit gefächert und mathelastig. Ich bin mir sicher, dass der Studiengang gute Chancen für die Zukunft verspricht.
Ich habe motivierte DozentInnen und nette KommilitonInnen.
Freiburg ist einfach eine typische Studentenstadt, ich mag die Atmosphäre hier!

Siehst du es als Herausforderung, dein Studium auf einer Fremdsprache zu absolvieren?

Auf jeden Fall, das Studium ist viel zeitintensiver. Auch wenn es schwieriger als ein Studium auf Schwedisch oder Englisch ist, ist es dennoch machbar. Es ist eine gewisse Anstrengung für mich, die sich aber auszahlen wird, da bin ich mir sicher!

Welche Unterschiede gibt es im Vergleich zu der Universität in Schweden?

Die deutsche Uni ist sehr viel bürokratischer. Hier muss man sich selbst für die Kurse anmelden. Die Bewerbung kann auch nicht über das Internet eingereicht werden, was an den schwedischen Unis üblich ist.

16344337_10207671305049874_434683478_n

Was tust du, wenn du deine Heimat vermisst? Hast du irgendwelche Rituale, die dir bei Heimweh helfen?

Olav, ein Freund, der mit mir den Deutsch-Kurs besucht hat, ist momentan auch in Freiburg, da er hier sein Erasmus-Semester absolviert. Es ist schön, sich auch ab und zu auf seiner Muttersprache verständigen zu können. Wir beide verstehen einander sehr gut, da wir in einer ähnlichen Situation sind und uns deshalb über Erlebnisse in einem fremden Land austauschen können.
Wenn ich sehr viel Heimweh habe, fahre ich auch gerne zu Ikea, sozusagen ein „Mini-Schweden“ in Deutschland. Dort fühlt man sich durch das skandinavische Gefühl, das vermittelt wird, sehr schwedisch.
Mit meiner Familie habe ich zudem sehr viel Kontakt über Skype.
Das Skandinavische Seminar der Uni Freiburg ist ebenfalls wie ein zweites Zuhause für mich geworden. Es werden viele verschiedene Veranstaltungen angeboten, alle sprechen Schwedisch oder eine andere skandinavische Sprache. Die Menschen interessieren sich für skandinavische Länder oder kommen sogar selbst aus Skandinavien. Für mich ist das Skandinavische Seminar ein Treffpunkt für Gleichgesinnte, einfach etwas Besonderes!

14787543_10202419789613971_472003210_o

Schwedische Köttbullar

Wie reagieren deine KommilitonInnen, wenn sie erfahren, dass du aus Schweden kommst?

Die meisten sind begeistert und interessiert. Sie stellen viele Fragen über die schwedische Kultur und wollen wissen, warum ich mich für Freiburg und allgemein Deutschland entschieden habe.
Sie haben ein sehr positives und auch nostalgisches Schweden-Bild: Die meisten erzählen schwärmerisch und begeistert von ihren Astrid-Lindgren-Kindheitserinnerungen.

Was denkst du dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s