(Food-)Sharing is Caring: Über LebensmittelretterInnen in Freiburg

Wer in Freiburg lebt, hat vielleicht schon mal von der Initiative Foodsharing, von Foodsavern oder ähnlichem gehört. Möglicherweise ist der einen oder anderen Person auch schon mal ein sogenannter Fair-Teiler in den Freiburger Stadtteilen aufgefallen.

Aber was ist das eigentlich alles? Für was steht Foodsharing und wer beteiligt sich in dieser Initiative? Um zu erfahren, was sich hinter Foodsharing verbirgt, haben wir uns mit dem Foodsharing-Mitglied und Physikstudenten Dominik, 22 Jahre, unterhalten.

Was ist unter Foodsharing zu verstehen?

Wie ja mittlerweile viele wissen, wird auf der ganzen Welt, aber vor allem in den Industrieländern, eine große Menge an genießbarem Essen weggeworfen. Foodsharing möchte als Initiative gegen diese Lebensmittelverschwendung angehen. So sollen über eine zentrale online Plattform Privatpersonen, Lebensmittelproduzenten, Vereine und alle, die Interesse daran haben, sich gegen diese Nahrungsmittelverluste einzusetzen, miteinander vernetzt werden. Ziel ist es also, auf dieses Problem aufmerksam zu machen und Nahrung, die meist grundlos weggeworfen werden soll, zu verwerten. So konnten in Deutschland bereits 8.754.310 kg Lebensmittel gerettet werden.

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Dominik ist seit einem Jahr Foodsharing-Mitglied.

Und wie genau funktioniert das?

In Deutschland, der Schweiz und Österreich gibt es viele Betriebe, die bestimmte Waren nicht mehr verkaufen dürfen. Beispielsweise muss eine ganze Packung Tomaten weggeschmissen werden, wenn sich nur eine beschädigte oder faule darin befindet. Genauso werden Produkte, deren Mindesthaltbarkeitsdatum näher rückt, frühzeitig entsorgt. Oder Waren haben aus logistischen Gründen kein Bleiberecht mehr. Es gibt viele Motive, die dazu führen, dass bestimmte Produkte aussortiert werden. Bevor das Zeug aber im Müll landet, tritt Foodsharing auf den Plan. Die Mitglieder von Foodsharing sorgen dann zusammen mit den kooperierenden Betrieben dafür, dass die Nahrungsmittel nicht weggeschmissen, sondern durch Verschenken und Verteilen an Leute verwertet werden.

Wie hast Du von Foodsharing erfahren?

Über meine ehemalige Mitbewohnerin habe ich davon mitbekommen. Sie hat viel davon geschwärmt und ich dachte mir, dass ich mir das ja mal ansehen könnte. Allerdings mit Bedenken, ich hatte schon meine Zweifel, ob das alles so cool ist, wie die Foodsharer das anpreisen. Es hat mich aber direkt überzeugt und die Skepsis war weg, weswegen ich mich dann auch als Mitglied eingetragen habe. Jetzt bin ich seit einem Jahr Foodsaver und habe in der Zeit etwa eine halbe Tonne Essen weitergeben können.

Was für Aufgaben übernimmst Du als Foodsaver?

Foodsaver sind dafür zuständig, die von den kooperierenden Betrieben aussortierten Produkte abzuholen. Bevor es aber weitergegeben werden kann, sortieren wir Foodsaver das gerettete Essen und entsorgen das wirklich schlechte Zeug. Was übrig bleibt, und das ist eine ganze Menge, wird in sogenannte Fair-Teiler geräumt. Das sind Orte, zu denen die Lebensmittel gebracht und von wo sie mitgenommen werden können. Das Essen wird aber auch an Suppenküchen, Tafeln, Bahnhofsmissionen oder andere gemeinnützige Vereine weitergegeben. Aber selbst an diesen Orten herrscht zeitweise Überschuss, sodass wir sogar von dort Essen abholen.

Man kann die Nahrungsmittel als Foodsaver natürlich auch für sich behalten oder an Freunde und Bekannte weitergeben. Hauptsache, das Zeug wird verbraucht.

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Der Fair-Teiler in Betzenhausen.

Ist es denn aufwendig, sich zu beteiligen?

Aufwendig ist es überhaupt nicht! Ich bin immer nur dann als Foodsaver aktiv, wenn ich Zeit und Lust habe. Durch eine Mitgliedschaft enstehen keinerlei feste Verpflichtungen. Und wenn dann nur, wenn man sich bewusst für eine Abholung eingetragen hat. Man macht das ja alles freiwillig, weswegen es in keinerlei Konflikt mit dem Unileben, der Ausbildung, der Arbeit oder anderen Pflichten stehen soll.

Wie kann man Mitglied werden? Und gibt es für die Mitgliedschaft irgendwelche Voraussetzungen?

Um Mitglied zu werden, kann man sich einfach auf der offiziellen Seite anmelden. Kriterein dafür, ob man Mitglied werden darf oder nicht, gibt es keine. Sobald man das mit der Anmeldung gemacht hat, kann man auch schon einsehen, wo in der eigenen Umgebung Fair-Teiler stehen – in Freiburg derzeit vier – oder von Privatpersonen Essen verschenkt wird.

Gleichzeitig werden viele Informationen rund um das Thema Nachhaltigkeit geboten, durch die man sich durchklicken kann.

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Die Abholung einer nahegelegenen Tankstelle wird zum Fair-Teiler gebracht.

Darf man auch gleich Essen abholen gehen?

Nein, das geht leider nicht so schnell. Um als Foodsharing-Mitglied selbst Essen bei kooperierenden Betrieben abholen zu dürfen, muss man zuerst ein Online-Quiz über die wesentlichen Prinzipien der Community bezüglich der Abholung und Verteilung von Nahrungsmitteln machen. Die Informationen zu den dort gestellten Fragen findet man alle im Foodsharing-Wiki, wo auch Auskunft über Geschichte, Selbstverständnis, Hintergründe der Plattform zu finden sind. Wenn das Quiz bestanden ist, begleitet man drei verschiedene Foodsaver bei Einführungsabholungen, um den Ablauf dieser kennenzulernen und um zu zeigen, dass man motiviert, pünktlich und verlässlich ist. Zusätzlich hat man die Möglichkeit, im persönlichen Gespräch noch ein paar Tipps mit auf den Weg zu bekommen. Sobald die drei Abholungen getätigt sind, erhält man einen offiziellen Foodsharing-Ausweis. Wenn man den hat, kann man in Zukunft auch selbst Essen abholen gehen.

Gibt es noch andere Rollen und Aufgaben, die man bei Foodsharing ein- und übernehmen kann?

Sofern man möchte, kann man auch zum Betriebsverantwortlichen upgraden. Die Leute sind dafür dafür da, dass die Kooperationen mit den Betrieben reibungslos verlaufen, also für den Dialog zwischen Betrieb und den Foodsavern zuständig. Wer noch mehr Verantwortung übernehmen möchte, hat die Möglichkeit, Botschafter zu werden. Botschafter sorgen dafür, dass die Einführung der Foodsaver-Anfänger funktioniert, organisieren die Sache mit den Ausweisen und sprechen Betriebe an, ob nicht vielleicht Lust auf eine Zusammenarbeit mit Foodsharing besteht.

Grundlegend besteht die Community aber einfach aus wahnsinnig vielen Freiwilligen. Nur wenige sind da tatsächlich sowas wie angestellt, aber selbst die machen ihre Arbeit ehrenamtlich. Auch sowas wie Server, Werbung, Fair-Teiler-Standorte werden gesponsert beziehungsweise für Foodsharing gestellt. Schließlich geht es hierbei nicht um Profit, sondern nur darum, die Verwertung von Lebensmitteln zu fördern.

Kommt bei einer Abholung viel aussortiertes Essen zusammen?

Ohja! Teilweise gibt es bei einer Abholung so viel Zeug mitzunehmen, dass gleich mehrere Foodsaver zur Abholung müssen. Einmal war ich bei einer Abholung alleine, der Betrieb hat aber viel übrig gehabt. Ich hatte einen Reiserucksack und zwei große Plastiktüten bei mir und musste dreimal vom Betrieb zum Fair-Teiler laufen. Das waren dann schätzungsweise 60% Backwaren, 30% Gemüse und 10% fancy Zeug wie Kuchen oder sowas. So Sachen wie Fleisch, Fisch, Milchprodukte – also alles, was schnell schlecht werden kann, darf im Übrigen nicht weitergegeben werden. Beziehungsweise gibt es da ganz genaue Angaben und Regelungen, wenn man den Lebensmitteln aufgrund ihrer Verderblichkeit nicht unbedingt vertrauen kann.

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Die abgeholten Lebensmittel, hier hauptsächlich Backwaren, werden in den Fair-Teiler geräumt.

Machen die kooperierenden Betriebe denn keine Verluste?

Verluste macht da niemand, auch wenn man das vielleicht im ersten Moment annimmt. Betriebe haben durch Foodsharing ja den Vorteil, dass sie sich nicht mehr um die Entsorgung von den Produkten kümmern müssen. Und die sind meistens ja auch froh, wenn das gute Zeug noch unter die Leute kommt und nicht einfach weggeschmissen wird.

Kann ich auch als Nicht-Mitglied die Fair-Teiler benutzen?

Auf jeden Fall. Jeder ist dazu eingeladen, die Fair-Teiler zu besuchen und das Zeug daraus weiterzuverwerten oder eigene Lebensmittel, die nicht mehr verbraucht werden für andere dort hineinzulegen.

Info:

Wer sich gerne näher über Foodsharing informieren möchte, hat hier die Möglichkeit:

https://foodsharing.de/#howto

Standorte von Fair-Teilern in Freiburg sind derzeit:

  • In Herdern: Im Händelwohnheim in der Händelstraße 18
  • Im Stühlinger: Fehrenbachallee 50
  • In Haslach: Melanchthonweg 9
  • In Betzenhausen: Thannhauser Straße 1
  • Und bald: Der mobile Fahrrad Fair-Teiler auf dem Platz der Universität 2

Anmerkung: Das Beitragsbild ist Eigentum von Foodsharing.

2 Gedanken zu “(Food-)Sharing is Caring: Über LebensmittelretterInnen in Freiburg

  1. Ein Lob auf diese tolle Idee! Und ein Dank an alle jungen Leute, die sich dafür einsetzen und Zeit einbringen!
    Was ich etwas skeptisch sehe: die Einladung an jedermann, eigene Lebensmittel abzulegen … – sicherlich dienen diese Orte auch als eine Entsorgungsmöglichkeit nicht mehr ganz so frischer Waren …! Diese Einladung in Ihrem Text würde ich auf alle Fälle streichen.
    Als Mitglied bei den Maltesern gibt es einschlägige Erfahrungen mit unseren Altkleidercontainern: hier werden öfters Lumpen entsorgt …! Man muss sich fragen, ob jedermann verantwortlich mit diesen Angeboten umgeht.
    Mit freundlichen Grüßen
    Regina Schwörer

    Adresse: 79194 Heuweiler, Dorfstraße 34

    P. S. Von meinem Büro aus der 5. Etage der Universitätsbibliothek sehe ich direkt auf Ihr mobiles Fair-Teilen-Fahrrad auf dem Platz der Universität 2 …!

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