Russischer Chor: Wenn Russlands Seele zum Lied emporsteigt

Lieder, die die Seele sanft streicheln wie der Wind oder schneidend klingen wie der Sturm – anlässlich der russischen Kulturtage gibt der Russische Chor der Universität Freiburg zwei öffentliche Konzerte. Der Chor lädt aber nicht nur zum Zuhören ein, sondern auch zum Mitmachen: Interessierte an russischer Kultur, russischer Sprache oder russischem Liedgut sind bei dem Laienchor herzlich willkommen.

Petra Höddinghaus leitet den Russischen Chor der Universität Freiburg

Der Russische Chor der Universität hat Tradition. 1930 gegründet vom Russisch-Dozenten Alexander Kresling zählt der Chor zu den ältesten in Freiburg. Seit 2003 leitet ihn Petra Höddinghaus, die wie fast alle Chorleiterinnen und Chorleiter als Sängerin anfing. Das ist mittlerweile schon über ein Vierteljahrhundert her. 1988/89 kam sie als Studentin nach Freiburg und sie erinnert sich mit einem zwinkernden Auge daran zurück, wie sie auf den Chor gestoßen ist: „Ich wollte Musik machen, hatte kein Geld und dann suchte ich mir einen Chor“. Mittlerweile unterrichtet sie Deutsch, Biologie und Ethik am Wentzinger Gymnasium. Als Lehrerin habe sie nicht viel Freizeit, der Chor sei ihr wichtigstes Hobby und der Grund, warum sie niemals aus Freiburg wegziehen würde.

Gelegenheit, neue Länder und Kulturen kennenzulernen, hat sie allerdings reichlich. Der russische Chor unternimmt immer wieder Reisen nach Russland oder Sibirien. Dort stößt der Chor nicht nur auf die Begeisterung der Einheimischen, sondern konnte auch schon den akademischen Betrieb über einen Umweg für sich einnehmen: Ein befreundetes Altgläubigen-Ensemble aus Burjatien in Ostsibieren gewann 1992 bei einem renommierten Volksliedwettbewerb der Musikwissenschaftlichen Fakultät der Universität Petersburg. Die beiden Lieder, die das Ensemble vortrug, waren in Russland schon in Vergessenheit geraten. Alexander Kresling hatte sie jedoch in seiner Kindheit gehört und dem Russischen Chor weitergegeben, der die Lieder wiederum dem Altgläubigen-Ensemble übermittelte – ohne Kresling und diese ‚Liedbrücke‘ wären die beiden Lieder womöglich verloren gegangen.

Sämtliche Lieder, die der Chor singt, sind auf russisch. Viele der Lieder stammen aus dem Archiv von Alexander Kresling.

Die intensive Auseinandersetzung mit der authentischen russischen Kultur begeistert auch Sabine Bindemann. Sie wurde vor 20 Jahren über das Studium Generale Chormitglied. Als sie die erste Probe besuchte, kam ihr ein „Tatarenschrei“ entgegen, an den sie sich noch heute lebhaft erinnert. Doch nicht nur der Tatarenschrei dauert bis in die Gegenwart an, sondern auch das Studium Generale, über das noch immer eine Teilnahme am Chor möglich ist.

Sabine Bindemann ist mit dem Chor schon nach Russland gereist – und war beeindruckt von der sagenhafte Weite des größten Landes der Welt.

Bindemann ist allerdings nicht nur fasziniert, von der Kraft und Wildheit, die sich in den russischen Volkslidern offenbart, sondern auch von den sanften und tiefschürfenden Gesängen. Die berühmte Weite Russlands, die man mit eigenen Augen sehen müsse, um sie sich vorstellen zu können, lebe in den langgezogenen Tönen mancher Lieder fort. Besonders abwechslungsreich sind die sogenannten Windlieder: Sie „streicheln die Seele wie der Wind“, sagt Bindemann, „aber sie können auch schneidend sein wie der Sturm.“

Der Begriff Windlied ist allerdings keine offizielle Bezeichnung aus den Musikwissenschaften, sondern geht zurück auf Alexander Kresling, der im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts mit verschiedenen russischen Intellektuellen verkehrte. Mit dem russischen Schriftsteller Maxim Gorki wetteiferte er im Herbst 1923 darum, wer die meisten russischen Volkslieder kenne, erzählt Höddinghaus. Die beiden Kontrahenten, die ansonsten ein freundschaftliches Verhältnis pflegten, sortierten die Lieder nach eigenen Kategorien: Fabriklieder, Tanzlieder, Windlieder und andere. Gorki hätte natürlich keine Chance gehabt, sagt Höddinghaus, konnte allerdings mit einem Windlied brillieren, das Kresling noch nicht kannte. Gorki notierte dieses Lied in allen fünf Stimmen und so singt der russische Chor es heute noch immer.

Martin Killian ist dem Chor beigetreten, um sein Russisch zu erhalten – mittlerweile ist der Chor zu einem festen Bestandteil seines Lebens geworden.

Da der Chor traditionsbewusst die russischen Lieder a capella und auswendig vorträgt, erhalten neue Sängerinnen und Sänger von einem Chormitglied eine kostenlose Einführung in die russische Aussprache und das Lesen von Kyrillisch. Für Martin Killian ist das jedoch nicht nötig gewesen. Der Student des Master-Studienganges Embedded Systems kam vor fünf Jahren zum Chor. Russisch hatte er bereits in der Schule und bei einem Auslandsaufenthalt in der Ukraine gelernt und im Chor sah er die Möglichkeit, seine Kenntnisse aufzufrischen. Mit dem russischen Liedgut war er vorher jedoch noch nicht in Kontakt gekommen und auch heute lernt er immer noch neue Lieder kennen.

Derzeit zählt der Chor etwa 30 aktive Sängerinnen und Sänger. Da sich die Chorbesetzung stetig im Wandel befindet, kommt es immer wieder vor, dass einige Mitglieder bei Konzerten noch nicht alle Lieder singen können. Problematisch ist das für den Chor jedoch nicht: Wer das Lied noch nicht kann, setzt sich einfach hin und lauscht, während die anderen singen: „Wir sind da nicht so konventionell“, sagt Martin Killian. Nach den Proben würden die Ensemblemitglieder in der „Goldenen Krone“ häufig noch etwas zusammen trinken gehen und dabei russische Lieder anstimmen. Wenn man ein Lied noch nicht kenne, singe man einfach mit und lerne es halt kennen, sagt Killian.

Lust auf Singen? Der Chor nimmt gerne neue Sängerinnen und Sänger auf!

Wer sich selber ein Bild vom russischen Chor machen möchte, erhält schon im November Gelegenheit dazu. Im Rahmen der russischen Kulturtage stellt der Chor die musikalische Begleitung zum Vortrag von Professorin Elisabeth Cheauré dar. Die Slawistin wird am Dienstag, den 14. November, ab 19 Uhr im Uniseum den Lebenslauf Alexander Kreslings sowie die Entstehung des russischen Chores in einem Vortrag skizzieren. Am 26. November gibt der Chor ab 17 Uhr ein Konzert im SWR Studio.

Wer beim russischen Chor mitsingen möchte, muss sein Können nicht im Vorsingen unter Beweis stellen, kein Russisch sprechen oder kyrillisch lesen können und auch nicht Slawistik studieren. Jeden Dienstag probt der Chor von 20 – 21.45 Uhr in Hörsaal 1221 im Kollegiengebäude I – dort probt er schon seit seiner Gründung 1930. Wer mitmachen möchte, schaut einfach vorbei.

 

Info

Internetpräsenz des Russischen Chors: www.russischer-chor.de
Russische Kulturtage Freiburg: www.zwetajewa-zentrum.de/russische-kulturtage-2017

 

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