INTERVIEW mit Nino aus Wien: „Wer ist man selbst schon?“

Am Dienstagabend hat Der Nino aus Wien in der Mensa-Bar gespielt. Nach dem Auftritt hat er sich mit uns über Freiburg, Katzen, Unsicherheit und den Winter unterhalten.

Nino aus Wien sitzt im winzigen Backstage-Bereich der Mensa-Bar. Er war schon öfter in Freiburg, aber in dieser Location spielt er zum ersten Mal. Vor seinem Auftritt war Nino mit der Band essen. „Ich hatte so eine Badische Kartoffelsuppe mit Würstel und Brot, das war voll gut“, sagt er.

Freiburg findet Nino „urschön“, obwohl er aus Wien kommt, der wohl urschönsten Stadt. „Ich finde Freiburg wirklich schön, so zum Durchgehen – die Architektur und es ist so nah an Frankreich. Und es ist die wärmste Stadt Deutschlands, angeblich. Es wachsen hier Zypressen in den Gärten. Das heißt, das Klima kann nicht schlecht sein. Und es geht auch nicht so viel Wind, in Wien geht halt so viel Wind und hier wirkt das alles so beschützt“, sagt er.

Der Nino aus Wien hat 2016 im Bereich Alternative Pop/Rock den Amadeus Music Award gewonnen, den größten Musikpreis Österreichs, bildet sich aber nichts darauf ein. Er wirkt bodenständig auf der Bühne. Nino spricht langsam, nuschelt seine Ansagen ins Mikro, seine Fußspitzen zeigen leicht nach innen, seine Hand bewegt sich oft zum Gesicht. Er singt Texte, die nur ein Nino aus Wien singen kann:

„Wie ein Schwamm saugst du das Jetzt auf
Und verarbeitest es dann
Wenn das Jetzt lang genug weg ist
Um zu wissen, was es kann
Man genießt dann deine Bilder
Die fast keiner je versteht
Nur die Freude, sie zu sehen
Ist wohl das, worum es geht“
(Ausschnitt aus „Es geht immer ums Vollenden“)

SWFR: Nino, manche deiner Songs hört man hundert Mal und rätselt dann immer noch, wie du auf diesen Text gekommen bist. Zum Beispiel bei „Ein trauriges Lied über eine alte Katze“.

„Ein trauriges Lied über eine alte Katze
Sie weiß, sie weiß
Es mag sie niemand
Sie ist hässlicher als die Pestgrube
Und ihr Gestank ist wie ein Schimmelpelz
Sie ist kleiner und alles dick an ihr
Sie ist scheinbar dumm
Bitte weg von hier“
(Ausschnitt aus „Ein trauriges Lied über eine alte Katze“)

Nino: Das ist ein altes Lied, ein uraltes Lied. Das einzige Lied, in dem ich Mundharmonika spiele. Ich mache auch die Katzengeräusche selbst. Ich bin mit Katzen verbunden, ich liebe Katzen. Ich bin mit Katzen aufgewachsen und habe immer noch zwei. Und der Text, der bezieht sich nicht auf eine bestimmte Katze, die hässlicher ist als die Pestgrube oder so. Das war ein Jam, ein Freestyle. Also wenn du fragst, wie kommt man auf den Text, einfach eine Gitarre in die Hand nehmen und irgendwas singen, das ist eines dieser Lieder.

SWFR: Braucht man dafür Drogen?

Nino: Drogen, nein. Es liegt an dir selber, voll. Drogen verbessern oder verschlechtern das nicht.

SWFR: Du hast mit 22 dein erstes Album veröffentlicht. War es immer dein Ziel, ein Album aufzunehmen? Oder hat sich das so ergeben?

Nino: Naja, ich bin über die Poetry Slam-Szene dazu gekommen, wie die neu war in Wien. Dort hat mich jemand gefragt, ob ich auch Lieder schreibe, der hat ein Literaturmagazin und macht so Literarturabende. Und ich so: „Ja, voll, ich schreib auch Lieder.“ Und er so: „Ja lass mal hören.“ Ich hab ihm dann eine CD gebrannt und er hat mich gefragt, ob ich nicht mal auf diesem Literaturabend ein paar Lieder spielen will. Das war mein erstes Konzert, in einem kleinen Kaffeehaus in Wien, und im Publikum war dann einer, der gefragt hat: „Willst nicht ein Album aufnehmen?“ Beim ersten Konzert. Und ich so: „Ähm, mh.. ja, wieso nicht!“ Und dann begann das mit dem Album und das hat lange gedauert, das aufzunehmen.

SWFR: Schreibst du Lieder oder komponierst du Lieder?

Nino: Ich singe sie eher, als dass ich sie schreibe. Sie kommen im Singen zustande. Ich singe sie raus und so formen sie sich. Ich kann nicht so gut Texte vertonen oder so.

„Ich schreibe ein Buch, es heißt ‚Hirschstettner Lebensart‘.“

 

SWFR: In einem anderen Interview hast du einmal gesagt, du willst Poet werden. Möchtest du mal ein Buch schreiben?

Nino: Ja, ich hab’s noch niemandem gesagt. Ich schreibe ein Buch, es heißt „Hirschstettener Lebensart“. Es wird eine Mischung aus Kochbuch, Weisheitenbuch, Bilderbuch und Gedichtband. Ich hab vor, mich Ende des nächsten Jahres zurückzuziehen, kurz, so drei Monate, und daran zu schreiben.

SWFR: Wo?

Nino: An verschiedenen Plätzen. Also nicht nur zu Hause. Ich will wirklich so bewaffnet mit einem Block sein. Und vielleicht einem Laptop, weil man dann schneller schreiben kann. Ich will mal nur schreiben. Ich hab früher oft geschrieben, irgendwie wär’s mal wieder an der Zeit. Lieder schreiben ist das, was mir am meisten liegt, glaube ich. Aber ich will auch nicht für Jahre immer dasselbe machen, immer weiter, nochmal und nochmal, lieber mal was anderes machen.

„Ich habe Angst vor Fernsehen, weil ich Fernsehen liebe.“

 

SWFR: Wenn man Fernseh-Interviews mit dir schaut, weiß man nicht: Ist er unsicher oder einfach enorm gelassen?

Nino: Das ist schon die Unsicherheit. Ich bin einfach sehr schüchtern, oder eher scheu. Ich bin scheu.

SWFR: Dann passt die Bühne doch gar nicht, oder?

Nino: Ich fühle mich schon wohl auf der Bühne, so zu singen und so. Aber ich habe Angst vor Fernsehen, weil ich Fernsehen liebe. Ich bin süchtig nach Fernsehen, ich habe daheim immer den Fernseher an. Aber für mich ist im Fernsehen sein auch immer sowas Urarges, weil ich dann jedes Mal denke: Boah, ich bin im Fernsehen! Dann bin ich automatisch so aufgeregt. Ich schau lieber fern, als dass ich im Fernsehen bin. Bei Fernsehauftritten bin ich auf jeden Fall unsicherer, als bei Bühnenauftritten, weil bei Bühnenauftritten hast du’s ja auch in der Hand, mehr oder weniger, singst halt einfach deine Lieder.

SWFR: Ist dir bei einem Auftritt schonmal etwas Witziges passiert?

Nino: Mir ist gestern eine Saite gerissen, das ist mir lange nicht passiert. Ich hab auch mal den Text vergessen. Dann hab ich irgendeinen andern Blödsinn gesungen. Ja, das sind so die witzigsten Sachen. Vielleicht habe ich einmal das Hosentürerl offen gehabt oder so, vielleicht war das das Witzigste. Heute habe ich kurz meine Stimme verloren, bei „Uhrwerk“. Das ist das viele Rauchen und das tägliche Singen.

SWFR: Welchen deiner eigenen Songs magst du am liebsten?

Nino: Vielleicht „Zimmer zu vermieten“, aber das spielen wir nie. Das ist schon ein ziemlich konkreter Song, da weiß man gleich, worum es geht: „Zimmer zu vermieten, schnell, nur noch ein Zimmer.“ Aber ja, vielleicht mag ich „Vollenden“ auch gern. Das ist schon so alt und ich mag es immer mehr. Früher hab ich es nicht so gemocht, das hat sich so entwickelt. Früher hab ich’s nicht so richtig verstanden.

SWFR: Du hast es doch selbst geschrieben.

Nino: Ja, aber wer ist man selbst schon?

„Du musst den Kummer genießen oder die Traurigkeit oder das schiere Wetter.“

 

SWFR: Was ist dein Lieblingssong, der nicht von dir ist?

Das erste, das mir einfällt ist „Strawberry Fields forever“. Das ist so ein Lied, wenn du das aufdrehst, bist du gleich zu Hause. Der John Lennon hat es in Spanien geschrieben und auf Youtube gibt es auch die Entstehungsgeschichte des Liedes mit seinen Demo-Aufnahmen, wie er sich mit der Gitarre heranarbeitet an den Refrain, das ist schon arg. Die Beatles sind schon meine Lieblingsband, die haben einige schöne Lieder.

SWFR: Es ist Winter. In „Bevor du schläfst“ singst du:

„Die Erinnerung zeigt deutlich,
Kein Sommer ist für immer,
Es wird bald wieder scheußlich,
Und dann wird’s immer schlimmer.“

Hast du Tipps, wie man durch den Winter kommt?

Ja, ich hab’ mich früher auch vor dem Herbst gefürchtet und mittlerweile mag ich ihn. Und je älter ich werde, desto mehr finde ich mich auch mit dem Winter ab und ich weiß, wenn es zu arg wird, kann man immer noch mit dem Bus nach Triest fahren, da man fährt man in den Frühling. Aber ja, keine Angst vorm Winter, sag ich! Wenn man aufrecht geht durch den Winter, dann ist’s halb so schlimm. Wenn man so geht (täuscht Zittern vor): „Oh, es ist so kalt“ – wird’s immer schlimmer. Das Leben ist sowieso ein Auf und Ab. Nach einem schönen Sommer kannst du nicht erwarten, dass der Sommer für immer da ist. Das ist wahrscheinlich auch der Ausgleich der Natur oder so, dass du einmal glücklich bist und dann wieder nicht. Du musst wahrscheinlich alles genießen, du musst den Kummer genießen oder die Traurigkeit oder das schiere Wetter. Irgendwie, so gut es halt geht.

SWFR: Danke, Nino.

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