Auf den Spuren Josef K.s im Jobcenter – Was Kafkas „Prozess“ und ein Arbeitslosengeld-Antrag gemeinsam haben

Zum Ende des Studiums befinden sich die meisten Studierenden am Übergang zur Berufstätigkeit. Es stehen die Jobsuche, die Bewerbungsphase und – falls man nicht gleich fündig wird – ein Besuch im Jobcenter an, um Arbeitslosengeld zu beantragen. Auch ich habe diese Phasen durchlebt und mich sofort an die Verhaftung aus der Schullektüre von Kafka erinnert. Ist das Jobcenter etwa dasselbe Gericht, vor dem auch Josef K. angeklagt wurde?

„Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet“ (Kafka 1995, S.7, Z. 2-3). Diese Anfangsworte von Kafkas „Prozess“ kennen sicher alle gut, die den Leidensweg des schuldneurotischen Josef K. in der Schule miterleben durften. Nun kann ich nicht behaupten, verleumdet worden zu sein. Tatsächlich habe ich mich zu Beginn dieses Jahres aus freien Stücken an die Agentur für Arbeit in Freiburg gewandt und war damit Josef K., der ja erst nach seiner Verhaftung seinen Prozess selbst antrieb, einen Schritt voraus. Mein Studium neigte sich dem Ende und im Bewusstsein, dass eine siebenjährige akademische Ausbildung in den Geisteswissenschaften kein Garant für eine sofortige Anstellung darstellt, entschied ich, mich – hoffentlich für kurze Zeit – arbeitslos zu melden und das zugegebenermaßen wenig prestigeträchtige, aber mir doch zustehende Arbeitslosengeld (im Folgenden ALG) zu beantragen. Ich hatte mich schon zuvor arbeitssuchend gemeldet – das rate ich jedem, bringt es doch später rententechnische Vorteile – und suchte nun die Agentur für Arbeit, auf um die entsprechenden Formulare auszufüllen.

Die Agentur für Arbeit in Freiburg: Ein riesiges Büogebäude mit mehreren Etagen und Trakten.
Zwang zur Legitimierung

Schon am Empfangsschalter musste ich meinen Personalausweis vorzeigen, um an die richtige Sachbearbeitungsstelle verwiesen werden zu können. Der Ausweis sollte später das am meisten gebrauchte Legitimationspapier sein und schon hier zeichnete sich die philosophisch-existenzielle Rechtfertigungsfrage, vor die auch Josef K. immer wieder gestellt wird, ab. Zumindest hatte ich den richtigen Ausweis bei mir und nicht wie Josef K. nur eine Radfahrlegitimation oder den Geburtsschein (Kafka 1995, S. 10, Z. 32-34). Da man nicht an einer Uni eingeschrieben sein darf, wenn man ALG beziehen möchte, und auch schon zur Antragsstellung eine Exmatrikulationsbescheinigung vorlegen muss (die ich zu dem Zeitpunkt noch nicht besaß), erwies sich der erste Besuch in der Arbeitsagentur als gleichermaßen frustrierend und ergebnislos. Es war offenbar noch lange nicht die Hauptverhandlung (Kafka 1995, S. 14, Z. 36-37).

Die Arbeitssuchendmeldung schien zumindest erfolgreich gewesen zu sein, denn einige Wochen später wurde ich per Post zu einem Beratungsgespräch mit einem Betreuer eingeladen. Bis dahin war mir nicht einmal bewusst gewesen einem Betreuer zugeordnet worden zu sein. Aber durch mein Befolgen der Einladung, schien ich „gewissermaßen ein Beaufsichtigungsrecht des Fremden an[zu]erkennen“ (Kafka 1995, S. 8, Z. 5-6). Der Fairness halber muss ich sagen, dass es ein überaus informations- und hilfreiches Gespräch war, und „das Wohlgefühl endlich einem vernünftigen Menschen gegenüberzustehen und über [m]eine Angelegenheit mit ihm sprechen zu können“ (Kafka 1995, S. 16, Z. 4-6) ergriff mich. Josef K.s Fragen bei seiner Verhaftung „Was waren denn das für Menschen? Wovon sprachen sie? Welcher Behörde gehörten sie an?“ (Kafka 1995, S. 9, Z. 35-37) klärten sich für mich zumindest nun insofern, als ich erfuhr, dass ein Unterschied zwischen der Agentur für Arbeit (der ich als angehende Arbeitslose offenbar unterstand) und dem Jobcenter (scheinbar zuständig für bereits Arbeitslose) besteht.

Letztendlich waren alle Personen, denen ich in meinem eigenen Prozess begegnete, sehr freundlich und hilfsbereit. Das muss an dieser Stelle für den Fall eines erneuten Treffens mit der Arbeitsagentur, betont werden. Der Grund der wachsenden Verzweiflung lag vor allem im System selbst begründet, das einen schlicht dazu zwingt zu gehorchen, möchte man ALG zur Existenzsicherung beziehen. Auch Josef K. „hatte kaum mehr die Wahl, den Prozess anzunehmen oder abzulehnen, er stand mitten darin“ (Kafka 1995, S. 114, Z. 18-19).

Informationelle Selbstbestimmung?

Beflügelt von diesem guten Gespräch – ich fühlte mich „wohl und zuversichtlich“ (Kafka 1995, S. 13, Z. 23) –, trat ich meinen nächsten Versuch an, einen Antrag auf Arbeitslosengeld zu bekommen und auszufüllen. Ausgestattet mit allen mir erforderlich erscheinenden Unterlagen, wartete ich brav im Wartebereich, bis mein Name aufgerufen wurde. Genauso lang wie im Wartezimmer saß ich auf dem Gästestuhl im Großraumbüro. Meine Personalien wurden aufgenommen und „das Verfügungsrecht über [m]eine Sachen [hier: Daten], das [ich] vielleicht noch besaß, schätzte [ich] nicht hoch ein, viel wichtiger war es [] Klarheit über [m]eine Lage zu bekommen“ (Kafka 1995, S.9, Z. 26-28). Sicher, das Jobcenter hält sich an Datenschutzverordnungen, aber es grenzte für mich an Demütigung, sehr private Daten wie Kontoauszüge, Mietverträge oder Einkommen und Vermögen aus der Hand zu geben. Datenmäßig war ich bloßgestellt.

Ein sehr kleiner Trost: Die hergegebenen Daten werden geschützt.

Dann wurden mir der mehrteilige Antrag auf ALG und die achtseitigen Ausfüllhinweise ausgehändigt. Gefordert waren zudem Auskünfte über weitere private Details, wie den Familienstand, ggf. Beziehungsdauer oder eine Auskunft des aktuellen Vermieters zu Höhe der Miete und Heizkosten. Ich solle den Antrag unterschrieben wieder mitbringen oder mir einen Termin zur Hilfe bei der Antragsstellung geben lassen. „ˏDamit ist es für heute genug und wir können uns verabschieden, allerdings nur vorläufigʹ“ (Kafka 1995, S. 19, Z. 18-19), sagte in etwa die Dame hinter dem Schreibtisch. Ich war enttäuscht, hatte ich mir doch die endgültige Abgabe des Antrags erhofft. In diesem Moment eröffnete sich mir das wunderliche Paradoxon einer Arbeitsagentur: Die Arbeitslosigkeit ihrer Antragsstellenden beseitigt sie allein schon dadurch, diese wochenlang mit der Jagd nach den geforderten Dokumenten, Nachweisen und Unterlagen beschäftigt zu halten. Im Grunde entzieht sie sich damit selbst ihre Daseinsberechtigung. Somit wäre es dem Jobcenter immanent, durch das Aufsuchen desselbigen die Arbeitslosigkeit sofort wieder zu eliminieren. Dieser im Grunde intelligenter Ansatz krankt allein daran zu vergessen, dass den Antragsstellenden durch die Beschaffung sämtlicher Papiere die Zeit fehlt, sich auf tatsächliche Arbeitsstellen zu bewerben.

Selbst als studierter Mensch hätte ich den ALG-Antrag ohne entsprechende Hinweise kaum auszufüllen gewusst.
Gehorsam

Per Brief wurde ich wenige Wochen später zu einem weiteren Beratungstermin einbestellt. Um 7.45 Uhr, diesmal beim Jobcenter. „ˏDer Aufseher ruft Sieʹ, hieß es“ (Kafka 1995, S. 14, Z. 15-16). Man wolle mit mir über meine aktuelle berufliche Situation sprechen, so die Einladung. Vor Ort musste ich feststellen, dass nicht der angegebene Betreuer, sondern eine Vertretung das Gespräch halten würde. „ˏSie befinden sich in einem großem Irrtumʹ, [hätte sie fast sagen können]. ˏDiese Herren hier und ich sind für Ihre Angelegenheit vollständig nebensächlich, ja wir wissen sogar von ihr fast nichtsʹ“ (Kafka 1995, S. 17, Z. 4-6). So sollte ich über all meine Personalia erneut Auskunft geben, die doch schon längst in den unergründlichen Tiefen einer Datenbank liegen mussten. Ich gab mich darüber ein wenig ungehalten und deutete zudem an, dass mir der Sinn dieses Beratungsgesprächs nicht ganz klar war, wo ich doch ein ähnliches schon vor wenigen Wochen mitgemacht hatte. Diese subtile Aufmüpfigkeit schien der Dame zu missfallen und ihren Augen gaben zu verstehen: „ˏAuch sollten Sie überhaupt im Reden zurückhaltender sein, fast alles was Sie vorhin gesagt haben, hätte man auch wenn Sie nur paar Worte gesagt hätten, Ihrem Verhalten entnehmen können, außerdem war es nichts übermäßig für Sie Günstigesʹ“ (Kafka 1995, S. 17, Z. 18-22).

Erst als ich deutlich machte, trotz Missfallens die bürokratischen Wege beschreiten zu wollen und mich kooperativer zeigte, löste sich die Anspannung. Sie wirkte verständnisvoller und wäre ich Josef K. gewesen, hätte sie sicherlich gesagt: „ˏAch so, […] Sie haben mich missverstanden, Sie sind verhaftet, gewiss, aber das soll Sie nicht hindern Ihren Beruf zu erfüllen. Sie sollen auch in Ihrer gewöhnlichen Lebensweise nicht gehindert seinʹ“ (Kafka 1995, S. 19, Z. 28-32).

Gefühlte Entmündigung

Wie das gehen sollte, blieb mir aber weiter unklar. Um Arbeitslosengeld beziehen zu können, musste ich nämlich eine sogenannte Eingliederungsvereinbarung unterzeichnen. Man verpflichtet sich darin mehr oder weniger freiwillig zu Eigenbemühungen (die regelmäßig nachzuweisen sind), zu Bewerbungen auf vorgeschlagene Jobs (die nach drei Werktagen überprüft werden) und zur fristgerechten Beantragung von Ortsabwesenheit. Man habe dafür 21 Kalendertage, die bewilligt werden könnten, allerdings nicht in den ersten drei Monaten ab Antragsstellung. Nicht nur in Anbetracht des baldigen Osterfests, zu dem ich gerne zu meiner Familie gereist wäre, brachte mich das auf. Die sinngemäße Antwort der Beraterin jedoch ähnelte der des Aufsehers zu Josef K.: „ˏSie dürfen nicht weg, Sie sind ja gefangenʹ“ (Kafka 1995, S. 8, Z. 31-32). Das Leitmotiv des Beobachtetwerdens fand hier seinen Beginn.

Das Dokument der Dokumente: Hier werden Leistungen des Jobcenters und Gegenleitungen des Antragsstellers festgeschrieben.

Gerade aus dem Studium kommend, einer Zeit, in der man vermutlich so frei, ungebunden und selbstbestimmt lebt, wie kaum sonst, erschütterte mich diese Bevormundung ungemein. „ˏDieses Gesetz kenne ich nichtʹ sagte [ich]. ˏDesto schlimmer für Sieʹ, sagte [die Beraterin]“ (Kafka 1995, S. 12, Z. 8-9). Ein bisher unbekanntes Gefühl von Machtlosigkeit ergriff mich. Nach all den Bemühungen, persönlichen Vorsprachen und stapelweise eingereichten Unterlagen, blieb mir in diesem Moment nur, mich dem System zu beugen und zu befolgen, was auch schon sein Wächter Josef K. gesagt hatte: „ˏUnd nun rate ich Ihnenʹ, fügte er hinzu ˏin Ihr Zimmer zu gehen, sich ruhig zu verhalten und darauf zu warten, was über Sie verfügt wirdʹ“ (Kafka 1995, S. 12, Z. 30-33). Denn ob mein Arbeitslosengeldantrag bewilligt werden würde, blieb – abhängig von verschiedenen Faktoren des Falls – immer noch ungewiss.

Das Urteil

Es entstand in mir ein neues Bewusstsein dafür, welcher Machtlosigkeit, Fremdbestimmung und Bevormundung ALG-Beantragende und -Beziehende unterworfen sind. Zwei Monate später kam die beste aller Nachrichten: Ich hatte einen Freispruch vom Jobcenter erlangt oder noch besser, mich selbst freigesprochen. Ich hatte nämlich selbst einen Job gefunden, ganz ohne mich als Vegetarierin auf den vorgeschlagenen Job als Catering-Managerin einer Großmetzgerei bewerben zu müssen. Welch ein Triumph! So sollte ich doch noch die Scham überleben (Kafka 1995, S. 211, Z. 8)!

Von außen so unterschiedlich, innen dasselbe geheime Gericht?
Primärwerk

Kafka, Franz (1995): Der Prozeß. Schockenverlag, Berlin.


Zur Info

Arbeitslosengeld 1 kannst du beziehen, wenn du mindestens 12 Monate in den letzten zwei Jahren versicherungspflichtig beschäftigt gewesen, jetzt aber arbeitslos bist. Mehr dazu hier.
Für Arbeitslosengeld 2 (Harz IV) gilt diese Bedingung nicht, kommt also für die meisten Hochschulabsolventen direkt nach dem Studium in Frage. Genau steht alles hier.
Es ist nicht verpflichtend, einen Arbeitslosengeldantrag zu stellen und, wie oben beschrieben, mit einem großen bürokratischen Aufwand verbunden. Vorteile, wenn du dich aber dafür entscheidest, sind:
1. Gewährung von ALG 2 sofern die gesetzlichen Voraussetzungen vorliegen
2. Beratung durch einen Arbeitsvermittler
3. finanzielle Unterstützung bei Kosten für postalisch erstellte Bewerbungen und für Fahrten zu Bewerbungsgesprächen

Sicherlich hilfreich bei der Frage, ob du ALG beantragen willst oder nicht, ist der Arbeitslosengeld-Rechner.

Viel Erfolg!

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