Ewige Suche

Freundlich, nett, kontaktfreudig, lieb – sogar sehr lustig, offen und unkompliziert bist du sicher. Kochen oder backen musst du auch können, am liebsten was asiatisches oder internationales. Wichtig ist, dass du wenig oder gar kein Fleisch isst, am besten bist du vegan… Also, wundere dich nicht, wenn du dich selbst in deiner Bewerbung nur an deinem Bild erkennst, vor allem wenn du auf der Suche nach einem WG-Zimmer in Freiburg bist. Vor allem: bloß keine Ansprüche stellen…

Endlich bekomme ich eine E-Mail von „meiner lieben Saskia“ mit festgelegtem Termin, den man leider nicht ändern kann, denn „alles“ kommt durcheinander. Na gut, ich gehe hin. Saskia macht die Tür auf, der erster Eindruck: „warum sieht sie wie meine Grundschullehrerin in Georgien aus?“. Und ihre erste Bemerkung: „du bist genau 6 Minuten zu spät“ „Sorry, ich bin eigentlich nie pünktlich“- oho, ich muss gerade nicht das Richtige gesagt haben, das kann man an ihrem Gesichtsausdruck ablesen, ihre Augen werden plötzlich sehr ernst und das Lächeln verschwindet auch von ihren Lippen. „Man darf bei solchen Terminen nicht zu spät kommen, außerdem müsste man sich anmelden oder zumindest entschuldigen“ „ so wirkst du aber wie eine böse Schwiegermutter“: – zum Glück habe ich das leise gesagt.

Das 8,5 qm² – Zimmer, Flur und der Rest sieht sehr ordentlich und gepflegt aus, denn es gibt einen „WG –Ordnungsplan“, an den man sich unbedingt halten soll, ansonsten „viel Spaß weiter auf der Suche.“ Es fängt schon spannend an, sage ich ihr. Sie überhört mich, nimmt ihr Heft mit der großen Beschriftung „Unsere WG“ und fängt an, vorzulesen. Ihr sogenannter Ordnungsplan lautet etwa so: „Also an jedem Sonntag bis um 10:00 Uhr muss die komplette WG abwechselnd geputzt werden, danach wird zusammen gefrühstückt, aufgeräumt und ein bisschen geplaudert, dies alles dauert ungefähr bis 12/12:30 Uhr, danach kann man selbst etwas unternehmen.“ Sie macht eine kurze Pause und liest weiter:

„Einmal in der Woche möchte ich mit meiner Mitbewohnerin schwimmen gehen, es gibt eine 10-er oder 20-er Karte für Schwimmbäder, damit kann man alle Bäder in Freiburg besuchen und es ist günstiger als Einzeltickets zu kaufen, einen Tag kann man festlegen, aber ich möchte gerne jeden Mittwoch gehen, bis jetzt war es immer so“. Ich mische mich nicht ein, wenn das so ist, dann ist es halt so, zumindest besteht die Möglichkeit, einen Tag auszusuchen, wann man schwimmen muss. Es spielt ohnehin keine Rolle, ob man in der Lage ist zu schwimmen. Dabei nennt sie ein Schwimmbad, in das sie mit ihrer Mitbewohnerin geht, jedoch dieses befindet sich am weitesten weg von ihrem Wohnort. Ausnahmsweise steht der Grund dafür, warum sie ausgerechnet dieses Schwimmbad ausgewählt hat, in ihrem WG – Heft: unterwegs könnte man sich unterhalten, auf die „Entspannung“ vorbereiten, bzw. freuen und vor allem frische Luft schnappen, was sie so schön findet.

„Je nachdem wann man schwimmen geht, muss man einen Tag auch für Joggen aussuchen“.

„Oh, bitte, nein, ich hasse joggen“- das sage ich sehr leise, für mich.

„Man sollte ein wenig Sport treiben, aus verschiedenen Gründen, beispielsweise, die Presse berichtet in der letzten Zeit häufiger über gesteigerte Gewichtszunahme der Weltbevölkerung.“ Ich versuche ihr eine Alternative zum Joggen zu nennen, wie wäre es mit Radfahren, Tischtennis – oder Volleyball spielen? Aber nicht doch joggen: weder morgens früh, noch mittags, noch abends. Also: niemals.

„Außerdem: jeden Freitagabend würde ich gerne mit meiner Mitbewohnerin auf dem Balkon Rotwein trinken. Im Sommer können wir auf dem Balkon meistens vegetarisch grillen und den Wein trinken, und im Winter abwechselnd im Zimmer leichte Kost essen.“

Und endlich kommt sie zum Schluss „ich wohne seit sieben Jahren in dieser WG, ich bin Hauptmieterin und habe schon mit 18 verschiedenen Studenten gewohnt…“

„Kein Wunder“, bemerke ich kurz und muss lachen.

Schließlich macht sie ihr WG – Buch zu und spricht frei:

„Meine Entscheidung bekommst du schriftlich. Jedoch hättest du ein Stück Papier nehmen und dir Notizen machen können. Dann könntest du jetzt deine Fragen stellen. Ich finde es nicht in Ordnung, wenn man ständig bei solch wichtigem Gespräch unterbrochen wird.“

Ja, bei Saskia ist es im Gegensatz zu Professoren an der Uni halt anders, die immer erwidern, dass wir sie jederzeit unterbrechen und Fragen stellen dürfen.

Biomarkt oder das Zimmer?

Inzwischen kam von Thomas eine E-Mail. Er hält mich zuerst im Flur an, jedoch verspricht er mir, dass unser Gespräch nicht lange dauert und bevor er mir das Zimmer zeigt, will er mir unbedingt „ein paar lebenswichtige Fragen“ stellen, z.B: – „woraus meine Ernährung besteht“. „Es kommt drauf an, worauf ich Appetit habe“ – sage ich ihm kurz und knapp. Nein, das gefällt ihm nicht, er will jetzt wissen, wo ich bis jetzt meine Einkäufe getätigt habe und ob ich mir vorstellen könnte, etwas daran zu ändern. Nun weiß ich wirklich nicht mehr, warum er mit mir ein Interview über Ernährungspläne, Geschäfte, ob Groß- oder Kleinhandel führen will. Mir fällt ein, dass ich eigentlich aus einem anderen Anlass hier bin. Er fragt wie viel ich mir für einen Einkauf leisten kann, „Es kommt darauf an, für wie lange und womit ich mich versorgen möchte“. Wieder eine falsche Antwort… Er will jetzt aber konkret wissen ob ich mich bereit erklären kann, mir in der Nähe auf dem Wochenmarkt meine Speisen zu beschaffen. Das macht mich neugierig und anstatt ihm eine präzise Antwort zu geben, frage ich ihn zurück, „was soll in diesem Markt besonders sein, was es in anderen Wochen- oder Supermärkten nicht gäbe?“ Er atmet tief aus und ein wenig genervt sagt: „Weil wir alle hier unsere Einkäufe machen, denn hier werden fast nur Bioprodukte verkauft und die „Marktleute“ kennen uns auch, damit unterstützen wir die Bauern aus unserer Gegend. Man muss zwar etwas mehr Geld ausgeben, jedoch ist die Qualität „WAHRSCHEINLICH“ besser … manche Lebensmittel kommen wohl auch aus dem Ausland, aber sie sind sehr gesund..“ „Darf man hier richtig fettes Fleisch oder Fisch kochen/braten, oder gekühlte Pizza aufbacken?“ frage ich ihn mit ernster Miene. „Auf gar keinen Fall!!!“ – rastet er aus… ich möchte nicht, dass unsere Wohnung nach Fleisch riecht, wir achten sehr auf gesundes Essen und Leben, wir kaufen alles in Bioqualität von Bauern und das muss weiter so bleiben… „Nun habe ich wieder Pech…. dieses mal besteht für mich sogar keine Möglichkeit einen Blick in das angebotene Zimmer zu werfen, aber unser Gespräch könnten wir wirklich so wie versprochen in wenigen Minuten und sogar im Stehen führen.

Darüber hinaus lese ich, dass eine früh-aufstehende und sportlich-motivierte WG mich um 8:35 Uhr zur Besichtigung einlädt. Da verliere ich sogar den Appetit auf mein Frühstück. Kein Wunder, dass ich nach zweimonatiger Suche immer noch keinen Erfolg habe und Saskias neu erschienene Anzeige wundert mich nun auch nicht mehr…

2 Gedanken zu “Ewige Suche

  1. Das ist eine kranke Wahrheit. “ Ewige “ Studenten“, die alle andere zu irgendwelche komische Verpflichtungen zwingen, oder Bio – Freaks, die dir kein freies Wahl geben, was du essen darfst :O Das ist mehr als krank ! Guter Text ! Mal endlich ehrlich !

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