[KrimiSamstag] Münstermörder / 7. Kapitel

Ein Freiburger Krimi von:
Renate Heyberger, Udo Marquardt


Freiburg Ende der Neunziger Jahre: Wie fast überall in Deutschland gibt es auch in der beschaulichen Breisgau-Metropole zwar jede Menge Verbrechen, aber keine Lokal-Krimis. Mit der Freiburg-Krimi-Reihe des Sternwaldverlags ändert sich die Lage schlagartig. Fast jährlich erscheinen nun Geschichten über Mord und Totschlag, über Intrigen, Eifersucht und miese Geschäfte – bis heute sind 14 der unverkennbaren schwarz-gelben Krimis erschienen.

Der „Münstermörder“ ist der zweite aus der Krimi-Reihe. Natürlich hat sich in Freiburg seither einiges verändert. Bürgermeister sind gekommen und gegangen, Kneipen haben zu- und aufgemacht, kleine inhabergeführte Geschäfte in der Innenstadt mussten Telecom und Co weichen. Aber eines ist über die Jahrzehnte gleich geblieben: das Herz der Stadt mit dem Münster und dem Markt und die sprichwörtliche Liebe der Freiburgerinnen und Freiburger zu ihrer Heimat, die sie manchmal den Rest der Welt vergessen lässt…


7. Kapitel: Im ersten Kreis der Hölle

Im Emmendinger Gewerbegebiet war es kurz vor Mitternacht nahezu stockdunkel. Nur vereinzelte Straßenlaternen funzelten ihr trübes Licht auf den Asphalt. Das geschwungene M des McDrive flammte gelb-rot in den Nachthimmel.
Ich hab Kohldampf bis inne Socken, ey. Komm, Onkel Jean-Marie, halt ma an. Atze griff seinem Onkel ins Lenkrad.
Nach einem kurzen Schlenker hatte Jean-Marie sich und den Wagen wieder unter Kontrolle. Hämmerle nahm sich fest vor, seinem Neffen bei der nächsten Gelegenheit eine zu knallen. Der Rotzlöffel war einfach schlecht erzogen. Aber wen sollte das wundern bei der Mutter? Es war ganz offensichtlich an der Zeit, daß er, also Jean-Marie, sich in die Erziehung seines Neffen einmischte, zumindest fernmündlich jedenfalls.
Lieblich hatte eine riesige Lagerhalle hinter dem McDrive angesteuert. Das Gebäude, vor dem er sein Cabrio parkte, war düster und gedrungen. Aus einer überdimensionalen Blechtür, vor der eine Kindergruppe herumlungerte, drang ein dumpfes Wummern, das entfernt rhythmische Strukturen zu erkennen gab. Lieblich und das Mädchen drängten sich durch die Kids und verschwanden hinter der Tür. Für einen Augenblick toste eine infernalische Lärmwelle über den Platz.
Hämmerle, noch im sicheren Benz, zuckte zusammen. Die Umgebung und der sporadisch aufbrausende Lärm erinnerten ihn von Ferne an seine lang vergangene Bibellektüre. So ähnlich mußte es in der Apokalypse zugehen.
Boh, geil. Atze war nicht mehr zu halten. Hier geht et ja total ab, Mann. Dat hättse mir aber sagen können, dat Ihr hier so `ne astreine location habt.
Hämmerle schickte ein Stoßgebet zum Himmel. Warum konnte nicht wenigstens dieser Kelch an ihm vorüber gehen? Doch er riß sich zusammen. War er nicht der einzige, der die Wahrheit kannte? Und war das für ihn, den Humanisten und Beinahe-Priester, nicht Verpflichtung genug? Es galt, Zeugnis abzulegen. Sein Schicksal führte ihn direkt in den ersten Kreis der Hölle, ins Emmendinger Oktan.

Die Türsteher sahen furchterregend aus. Selbst unter ihren ausladenden Bomberjacken konnte man die Muskelberge erahnen. Aus den winzigen Hirnen ragten die Haare nur wenige Millimeter heraus. Am anderen Ende aufgekrempelte Jeans und Springerstiefel. Hämmerle schob Atze, der sich hier sichtlich wohlfühlte, vor sich her. Man konnte nie wissen. Plötzlich legte sich eine Pranke auf Jean-Maries Schulter, jemand brüllte ihm ins Ohr:
Moment mal! Woll`n wir doch mal sehen, was Du da unter Deinem T-Shirt hast.
Ohne Erlaubnis eingeholt zu haben, befummelten neugierige Finger Hämmerles Wanst. Der erstarrte. Körperkontakt war ihm, bis auf wenige Ausnahmen, eher zuwider. Und sich hier und jetzt von völlig fremden Männern begrapschen zu lassen, war der Gipfel.
Grinsend schob ihn der Türsteher weiter durch den Gang. Jean-Marie durfte passieren. Er konnte zwar nicht alles verstehen, was der Fummler seinem Kumpel zubrüllte, aber das Wort „Wampe“ war deutlich zu hören.
Inzwischen wartete Atze an der Kasse. Jean-Marie drückte schweren Herzens zweimal zehn Mark Eintritt ab. Dann waren sie mittendrin.
Ein ohrenbetäubender Lärm riß und zerrte Jean-Marie an den Trommelfellen, die wuchtigen Bässe knallten ihm in die Eingeweide, seine Magen krampfte sich im Rhythmus der 135 BPM (beats per minute, der Verleger) zusammen. Unter seinen Füßen bebte der Boden. Grelle Lichtblitze durchbrachen das schummrige Licht im Abstand von Sekunden und zuckten ihm über die Netzhaut. Orientierungslos und wie betäubt stand er da. Es dauerte eine ganze Weile, bis er seine diversen Sinneseindrücke einigermaßen sortiert hatte. Dann erst sah er sich um.
Der Raum war angefüllt mit einer riesigen Masse schwitzender und zuckender Leiber. Männer und Frauen in schrillen Klamotten bewegten sich im Rhythmus des Lärms. Über der Menge thronte, in weiter Entfernung am anderen Ende der Halle, ein zappelndes Wesen, vom dem auch der Lärm auszugehen schien. Wie ein diabolischer Zeremonienmeister fuchtelte das Wesen in der Luft herum. Dabei hopste es ständig auf und ab und bediente hektisch diverse Elektrogeräte. In der Mitte der Halle stand, eingehüllt von waberndem Trockeneisnebel, zu Hämmerles größter Verwunderung ein ausgedienter Jagdflieger. Auch auf den Tragflächen zuckten vereinzelte Gestalten. An den Längsseiten des Raumes entdeckte Jean-Marie zwei Theken, die einzigen Gegenstände, die ihm einigermaßen vertraut waren.
Atze war im Gewühl verschwunden. Von Lieblich und seiner Begleitung keine Spur. Jean-Marie machte einige Schritte in Richtung Tresen. Vielleicht ließen sich seine aufgewühlten Nerven durch einen kleinen Schluck beruhigen. Auf dem Weg zur Theke zupfte ihn sein aufgeregter Neffe am Ärmel:
Ultracool hier! brüllte Atze ihm ins Ohr und hampelte dabei hin und her. Er zog Jean-Marie über die Tanzfläche zu einem alten VW-Bus. Vom Inneren des Wagens aus führte eine schmale Wendeltreppe einen Stock tiefer in die Cocktailbar. Hämmerle zog den Wanst ein und rüstete sich so für den Abstieg. Nach wenigen Stufen kam ihm ein Mädchen von unten entgegen. Sie war keine zwanzig und gertenschlank. Trotzdem kam sie an Jean-Marie kaum vorbei. Einige Atemzüge klemmten Hämmerle und das Mädchen Bauch an Bauch auf der engen Treppe fest. Jean-Marie gingen die Augen über. Das Mädchen hatte lockige schwarze Haare. Die Dunkelheit der Augen wurde von einem Kajalstift betont, etwas seltsam waren die grünen Augenbrauen. Der Rest war klasse. Außer einem schwarzen Spitzen-BH trug sie nur noch enganliegende, neongrüne Shorts und Turnschuhe. Ohne ihn eines Blickes zu würdigen verschwand die Erscheinung und ließ einen atemlosen Hämmerle auf der Treppe zurück.
Unten in der Cocktailbar kam er wieder zu sich. Hier war es eine Spur leiser, das Licht gedämpft. In einer Ecke zeigte sein Assistentenanwärter ihm Lieblich und das Mädchen. Jean-Marie stellte sich mit dem Rücken zu ihnen an den Tresen und bestellte einen Drink für sich und eine Cola für seinen Neffen. Zum Glück war es hier so schummrig, daß man kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Atze leerte das Glas in einem Zug, murmelte dann was von „geilen Druffis“ und verzog sich wieder nach oben auf die Tanzfläche.


Lieblich und seiner Begleitung schien es in der Cocktailbar des Oktan zu gefallen. Soweit Jean-Marie in der Dunkelheit erkennen konnte, ging es den beiden ausgesprochen gut. Zwischen den Drinks tuschelten sie, hielten Händchen und begrüßten hin und wieder ein paar Freunde. Jean-Marie wurde langsam müde, außerdem dröhnte ihm der Kopf infernalisch. Endlich wurde ein Barhocker frei.


Irgendwann stand Atze wieder neben ihm. Der Junge hatte sich verändert. Er fiel ihm einfach um den Hals. Als wäre das nicht schon genug, drückte er ihm zu Hämmerles Entsetzen auch noch einen dicken feuchten Kuß auf den Mund und hauchte:
Onkel Jean-Marie, ich hab‘ Dich richtich lieb! Du mich auch?
Jean-Marie fuhr zurück und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Das Kind war ganz offensichtlich nicht mehr bei sich, kein Wunder bei dem Lärm. Zu allem Überfluß versuchte Atze jetzt auch noch, seinen Onkel zu umarmen. Hämmerle sah sich gehetzt um. Zum Glück waren keine bekannten Gesichter zu sehen. Überhaupt schien niemand die Szene zu beobachten.
Atze versuchte, Jean-Marie vom Barhocker zu ziehen:
Komm, wir tanzen, da läuft gezz U96.
Hämmerle wehrte ab:
Also das ist nun wirklich nichts für mich. Mir dröhnt eh schon der Kopf.
Wie bei Mamma, der ihr Freund sacht auch immer, er hat Kopfschmerzen.
Atze wühlte in den Hosentaschen und förderte zwei kleine, weiße Pillen zutage:
Die sind gut. Er streckte Hämmerle die Tabletten auf der flachen Hand entgegen. Jean-Marie war ob solcher kindlicher Fürsorge gerührt. Es blieb ihm gar nichts anderes übrig, als die beiden Pillen mit dem Rest seines Drinks herunterzuspülen. Schließlich konnte er den Jungen nicht enttäuschen. Und sein Kopf dröhnte wirklich abartig.

… wird fortgesetzt am 23.5.2020

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