[KrimiSamstag] Münstermörder / 8. Kapitel

Ein Freiburger Krimi von:
Renate Heyberger, Udo Marquardt


Freiburg Ende der Neunziger Jahre: Wie fast überall in Deutschland gibt es auch in der beschaulichen Breisgau-Metropole zwar jede Menge Verbrechen, aber keine Lokal-Krimis. Mit der Freiburg-Krimi-Reihe des Sternwaldverlags ändert sich die Lage schlagartig. Fast jährlich erscheinen nun Geschichten über Mord und Totschlag, über Intrigen, Eifersucht und miese Geschäfte – bis heute sind 14 der unverkennbaren schwarz-gelben Krimis erschienen.

Der „Münstermörder“ ist der zweite aus der Krimi-Reihe. Natürlich hat sich in Freiburg seither einiges verändert. Bürgermeister sind gekommen und gegangen, Kneipen haben zu- und aufgemacht, kleine inhabergeführte Geschäfte in der Innenstadt mussten Telecom und Co weichen. Aber eines ist über die Jahrzehnte gleich geblieben: das Herz der Stadt mit dem Münster und dem Markt und die sprichwörtliche Liebe der Freiburgerinnen und Freiburger zu ihrer Heimat, die sie manchmal den Rest der Welt vergessen lässt…


8. Kapitel: Ekstase

Die Nacht war weit vorangeschritten. Im Oktan war es heiß geworden. Der Tekkno-Beat dröhnte in rasendem Tempo und versetzte die zuckenden Gestalten auf der Tanzfläche in Trance.
Eine davon war Jean-Marie Hämmerle. Seit geraumer Zeit walzte er seine 235 Pfund Lebendgewicht entrückt durch die Menge. Mit erhobenen Armen und ausgestreckten Zeigefingern stampfte er zum Sound von Sven Väth und Marusha. Er war drauf wie noch nie. Überhaupt hatten sich die Dinge um ihn herum merkwürdig verändert. Alles war ganz leicht geworden. Die Musik war klasse, die Farben leuchtend, die Menschen schön. Hin und wieder überwallte ihn ein warmes Gefühl für seinen Neffen Atze, den er irgendwann in der wogenden Masse aus den Augen verloren hatte. Keine Spur von Müdigkeit und Kopfschmerzen. Hämmerle hätte gerne die ganze Welt umarmt.
Lieblich und seine Freundin hatten das Oktan vor geraumer Zeit verlassen, was Jean-Marie zwar irgendwie noch registriert, aber gar nicht weiter gestört hatte. Sollte es den beiden doch gut gehen, sollten sie sich doch amüsieren, am besten die ganze Nacht lang. Schön, daß sein Freund Lieblich es so gut getroffen hatte.
Der DJ brüllte etwas von einer Love-Parade in sein Mikrophon. Genau, das war es, ein großes Festival der Liebe und Harmonie. Darum ging es. Und eigentlich hätte Jean-Marie sich auch sofort eingereiht, wäre er nicht so ungeheuer durstig geworden. Er schwebte zum Tresen und orderte ein extragroßes Mineralwasser.

Das Oktan machte zu Hämmerles Leidwesen irgendwann zu. Er gehörte zu den letzten Gästen, hinter denen die netten Türsteher das Tor schlossen. Dann tänzelte er durch die Dunkelheit zu seinem Benz hinüber und klemmte sich fröhlich pfeifend hinter das Steuer. Immer noch keine Spur von Müdigkeit.
Die Nacht war sternenklar. Hämmerle konnte sich nicht erinnern, die Sterne jemals so deutlich gesehen zu haben. Fast fühlte er sich, als wäre er selbst der Lenker, der den Großen Wagen über den Emmendinger Nachthimmel jagte. Er ließ den Benz aufheulen und drehte mit quietschenden Reifen einige Runden auf dem Parkplatz, bevor er seine Reise durch die unendlichen Weiten des Universums aufnahm.

Ganz automatisch hatte Hämmerle sein Untertürkheimer Sternenroß in die Herrenstraße hinter dem Freiburger Münster gelenkt. Nun stand er in der Stille der Nacht unter dem Himmel aus Stein und staunte. Obwohl es stockfinster war, sah er die Dinge endlich im richtigen Licht.
Soviel war klar, dachte der Beinahe-Priester Hämmerle, den Kopf im Nacken, in dieser Nacht würde sich das neue Jerusalem auf Freiburg senken, von unzähligen Engeln und Heiligen bewohnt, die Edelsteine glänzend mit hohen Mauern und zwölf Toren, über den Toren zwölf Engel. Sein Blick fiel auf das Hauptportal, gekrönt von einem mächtigen Tympanon voller Figuren, in der Mitte ein Pfeiler, der den Eingang in zwei Öffnungen teilte, bewehrt mit schweren Türen.
Jean-Marie sah Gott bei der Erschaffung der Welt, fast war es ihm, als säße er selber auf dem Thron. Er, Der Da Saß, schuf Sonne und Mond, Himmel und Erde, Pflanzen und Bäume, Fische und Vögel, Adam und Eva. Der Da Saß war Richter von Ungehorsam und Hochmut, Pförtner zum Paradies, der die Menscheit nach gut und böse teilte, den einen die Pforten des Himmels, den anderen den Höllenschlund weisend. Hämmerle fiel der Lasterkatalog des Apostels Paulus ein: Niemand soll eingehen in das Reich Gottes, der die „Werke des Fleisches“ tut: „Unzucht, Unlauterkeit, Ausschweifung, Götzendienst, Zank, Eifersucht, Gehässigkeiten, Hetzereien, Zwietracht, Mißgünstigkeiten, Trinkerei, Schlemmerei.“ Hämmerle rülpste verstohlen.
Sein Blick fiel auf die sieben törichten und die sieben klugen Jungfrauen der Vorhalle. Kein Wunder, daß es hier so finster war, hatten die Mädchen doch das Reserveöl für ihre Lampen vergessen, jetzt wo ihnen der Bräutigam entgegeneilte.
Die Versuchung trat leibhaftig in Gestalt von Corinna neben ihn. Corinna war nackt und ritt auf einem Bock. Über die rechte Schulter hatte sie ein Bocksfell geworfen. Neben ihr sah Hämmerle sich selbst: ein eleganter junger Mann, einen Blumenkranz auf dem Kopf, in ein weit fallendes Gewand gekleidet, eine namenlose Rose in der Hand betrachtend, mit deren Hilfe er die Dame an seiner Seite zu verführen suchte. Doch was war das? Jean-Marie erschrak. Ekliges Gewürm kroch aus dem Rücken der Gestalt, Kröten, Molche, Schlangen. Er taumelte einige Schritte zurück und stürzte fast. Sein Blick glitt an den Mauern entlang, hinauf zum schönsten Turm der Christenheit. Und er traute seinen Augen nicht.

In schwindelerregender Höhe kletterte eine Gestalt den Turmhelm herunter. Ihre Umrisse hoben sich deutlich vom Nachthimmel ab. Der Kletterer schien seine Sache zu beherrschen. Mit sicheren Bewegungen ließ er sich an dem durchbrochenen Maßwerk herab. Es vergingen nur ein paar Minuten, dann erschien er auf einem Sims an der Westseite des Hauptportals. Er verschwand wieder und landete kurz darauf mit einem katzenhafen Satz wohlbehalten auf dem Kopfsteinpflaster des Münsterplatzes. Nun konnte Jean-Marie ihn deutlich sehen. Seine Kleider waren wie eine zweite Haut und erinnerten Hämmerle an Cary Grant über den Dächern von Nizza: enganliegende schwarze Hosen, ein schwarzes langärmliges T-Shirt, um die Schultern hatte er einen kleinen Beutel gehängt. Der Kletterer fühlte sich offensichtlich völlig unbeobachtet und lief am Hauptportal vorbei. Jean-Marie direkt in die Arme. Es dauerte nur eine winzige Sekunde, dann riß er sich los und rannte davon. Für einen kurzen Moment hatte Hämmerle das Gesicht des Mannes ganz deutlich gesehen. Kein Zweifel, der Kletterer war Georg Lieblich. In Jean-Maries ekstatisch erweitertem Bewußtsein kristallisierte sich ein glasklarer Gedanke heraus: Die Lösung des Falles mußte dort oben auf dem Münsterturm liegen. Es gab nur eines. Er mußte hoch.

… wird fortgesetzt am 30.5.2020

Was denkst du dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s