[KrimiSamstag] Münstermörder / 9. Kapitel

Ein Freiburger Krimi von:
Renate Heyberger, Udo Marquardt


Freiburg Ende der Neunziger Jahre: Wie fast überall in Deutschland gibt es auch in der beschaulichen Breisgau-Metropole zwar jede Menge Verbrechen, aber keine Lokal-Krimis. Mit der Freiburg-Krimi-Reihe des Sternwaldverlags ändert sich die Lage schlagartig. Fast jährlich erscheinen nun Geschichten über Mord und Totschlag, über Intrigen, Eifersucht und miese Geschäfte – bis heute sind 14 der unverkennbaren schwarz-gelben Krimis erschienen.

Der „Münstermörder“ ist der zweite aus der Krimi-Reihe. Natürlich hat sich in Freiburg seither einiges verändert. Bürgermeister sind gekommen und gegangen, Kneipen haben zu- und aufgemacht, kleine inhabergeführte Geschäfte in der Innenstadt mussten Telecom und Co weichen. Aber eines ist über die Jahrzehnte gleich geblieben: das Herz der Stadt mit dem Münster und dem Markt und die sprichwörtliche Liebe der Freiburgerinnen und Freiburger zu ihrer Heimat, die sie manchmal den Rest der Welt vergessen lässt…


9. Kapitel: Inferno Eins Eins Null

Schräg gegenüber vom Münster saß der Kulturamtsleiter im Studierzimmer seines Amtes. Nur ein bläulicher Lichtkegel erleuchtete den Schreibtisch. Der Kulturamtsleiter hatte den Kopf in die Hände gestützt und sich in ein gewichtiges literarisches Werk vertieft. Immerhin war es Juli, und die Vorbereitungen für die jährlichen Freiburger Literaturgespräche im November liefen bereits auf Hochtouren. Der Kulturamtsleiter und seine Mitstreiter, ein Uni-Professor und zwei Lokalmatadore der Kulturjournaille, mußten bis dahin noch Berge neuer Literatur sichten.
Er atmete tief durch, setzte die kleine runde Brille ab und rieb sich die Augen. Das Opus vor ihm kostete Nerven. Aber dieser Heinz G. Konsalik war einer der auflagenstärksten Schreiber der Republik. Und der Oberbürgermeister hatte nach dem finanziellen Desaster des vergangenen Literaturgespräches auf publikumswirksamen Teilnehmern bestanden. Jetzt überlegte er, wie „Der Frauenarzt der Taiga“ in das diesjährige Thema der Gespräche „Dialektische Aspekte des Seienden in der Literatur der Frührenaissance und deren Wiederaufnahme in der postmodernen Untergrundliteratur der ehemaligen DDR“ einzubauen war. Einen Ansatzpunkt hatte er nach langem Grübeln bereits gefunden. Mit Taiga und DDR ließ sich was machen, da war er sich sicher.
Er ging zum Fenster und öffnete es. Der Turm des Münsters ragte schwarz in den Nachthimmel. Schon so manches Mal hatte er aus dem monumentalen Bau seine Inspirationen bezogen. Sein Blick wanderte vom Chor über das romanische Querhaus zu den beiden frühgotischen Fenstern, dann weiter zu den spitzbogigen Jochen der Hochgotik. Die Sandsteinfiguren an den Außenseiten der schweren Mauern kannte er alle, die Heiligen, die Dämonen, die lasterhaften Fratzen, die Propheten, die Engel, die bösen Geister. Wie der Kulturamtsleiter wußte, hatte seit jeher an den heiligen Mauern auch das Häßliche seinen Platz. In ihm fanden die Ängste der Menschen ihren Ausdruck, die furchterregenden Gestalten dienten dazu, das Böse fernzuhalten.
Doch irgendwas war anders als sonst. Ein riesiger dunkler Schatten kroch an einem der Strebepfeiler entlang. Der Kulturamtsleiter setzte die Brille wieder auf. Eine Gestalt klammerte sich an die steinernen Krabben des Strebebogens. Nur mühsam, so schien es, kam sie voran. Atemlos beobachtete er, wie sie plötzlich das Gleichgewicht verlor und abrutschte.
Die Gestalt war nicht mehr zu sehen. Der Kulturamtsleiter ging zum Telefon und wählte die Eins Eins Null.

Zehn Meter über dem Abgrund starrte Jean-Marie Hämmerle entsetzt in die Fratze eines fürchterlichen Untiers. Wenige Zentimeter über seinem Gesicht bleckte das Monster die Zähne. Eine stählerne Zunge schoß ihm aus dem Maul. Dreikrallig bohrte sich die Pratze in Jean-Maries Schulter. Vor Gier quollen dem Ungeheuer die Augen über. Es roch irgendwie nach Schwefel. Hämmerles Atem raste. In seinen Ohren pochte das Blut im Tekkno-Beat. Eine dicke Schweißperle rollte ihm von der Stirn ins Auge. Langsam wurden die Arme lahm.
In Jean-Maries aufgewühltem Gehirn arbeitete es. Gerade noch hatte er sich bei seinem Sturz an dem Untier festhalten können. Entsetzt spürte er, wie der Sandstein unter seinen Füßen zu bröckeln begann. Das Geräusch holte ihn mit einem Schlag in die Wirklichkeit zurück. Hier, zehn Meter über dem Kopfsteinpflaster des Freiburger Münsterplatzes, war Endstation. Seine Knie zitterten. Die Hände wurden feucht.
Jetzt nur nicht loslassen, dachte er. Hier ist endgültig Schluß.
Den Bauch an der Wand, den Höllenhund über sich und unter sich, bis auf einen schmalen Sims, gähnende Leere. Von hier oben gab es keinen Ausweg. Entkommen unmöglich. In der Ferne ertönte ein Martinshorn…

So, nun erzählen Sie mal.
Der ältere der beiden Beamten packte sein Butterbrot ein, verschloß die Thermoskanne und legte die Zeitung in aller Ruhe weg. Hämmerle schwieg.
Vor ein paar Minuten erst war er bei der Polizei abgeliefert worden. Die letzten Stunden waren für Jean-Marie Hämmerle das Schrecklichste gewesen, was er jemals erlebt hatte. Als wäre die Todesangst auf dem Münster nicht schon genug gewesen. Zu allem Überfluß hatten ihn die Idioten von der Feuerwehr auch noch zwingen wollen, freiwillig loszulassen und sich in ein handtuchgroßes Sprungtuch zu stürzen, das nur von ein paar mickrigen Figuren gehalten wurde. Schließlich war eine von ihnen zu Hämmerle hinaufgeklettert. Zuerst hatte der Mann ihn beschwatzen wollen. Es sei eine todsichere Angelegenheit und so. Aber Jean-Marie hatte sich nicht herumkriegen lassen. Er klammerte sich nur noch fester an das Sandsteinmonster. Erst als ein größeres Stück vom Sims unter ihm abgebrochen war und er nur noch mit einem Fuß auf der Kante Halt fand, war es dem Feuerwehrmann gelungen, ihn mit einem kräftigen Stoß in die Tiefe zu befördern.
Im Krankenwagen war er wieder zu sich gekommen. Offensichtlich hatten die Feuerwehrleute sein Gewicht doch falsch eingeschätzt. Doch das Schlimmste kam erst noch. Eine furchterregende Gestalt in Weiß hatte versucht, ihm die Kleider vom Leib zu reißen und ihn mit einer riesigen Spritze bedroht. Jean-Marie hatte sich bis zum äußersten gewehrt. Erst vier Wärtern war es gelungen, ihn auf einer Pritsche festzuzurren. Dann mußte er wohl oder übel kapitulieren und seine kraftlose Gestalt den Blutsaugern überlassen.

Jetzt erzählen Sie uns mal, was Sie genommen haben. Der Beamte schaute Jean-Marie scharf an.
Wieso genommen? Hämmerle guckte verständnislos zurück.
Kommen Sie schon, erzählen Sie, mischte sich der Jüngere ein. Wir haben für Typen wie Sie doch nicht den ganzen Tag Zeit. Wo waren Sie denn gestern abend, bevor Sie, der Beamte grinst anzüglich, ihre Kletterpartie gestartet haben? Und überhaupt, glauben Sie eigentlich, sowas ist ungefährlich? Lesen Sie denn keine Zeitung, Mann? Vorletzte Nacht erst ist da jemand abgestürzt. Tot.
Der Ältere hatte in der Zwischenzeit den Bericht aus dem Krankenhaus überflogen. Mit einem vielsagenden Blick legte er die Akte vor seinem Kollegen auf den Tisch. Er deutete auf einen Abschnitt. Dann las er vor:
„XTC, oder Ecstacy, ist eine Mischung aus reinem Speed und LSD. Es führt zu Umfeldveränderung und einer Veränderung der optischen und akustischen Wahrnehmung. Man fühlt sich wach, angeregt, wenig gehemmt, ist offen und glaubt alles intensiver zu erleben.“ Von wem haben sie die Dinger denn gekriegt?
Welche Dinger?
Stellen Sie sich doch nicht so dumm, das hilft Ihnen auch nicht weiter. Wer hat Ihnen gestern abend den Stoff gegeben?
Ich hab nur zwei Kopfwehtabletten genommen.
Die beiden Beamten brachen in hämisches Gelächter aus:
Woll’n Sie uns verarschen oder was? Hämmerle wurde hellhörig. Langsam dämmerte ihm was.

Zwei Stunden später, nach vielen unangenehmen Fragen, die Jean-Marie allesamt nicht im Sinne der Beamten beantwortet hatte, setzte Hämmerle mit zittrigen Fingern seine Unterschrift unter ein Protokoll, in dem er seine Unschuld wieder und wieder beteuert und seinen Neffen wohlweislich verschwiegen hatte. Aber eins stand fest: Atze würde er sich vorknöpfen.

… wird fortgesetzt am 6.6.2020

Was denkst du dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s